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Hauptschulrektoren wollen ein anderes Schulsystem
09.05.2007
 
Südwestdeutsche Ztg.

Hauptschulrektoren wollen ein anderes Schulsystem
Schulleiter aus zwei Landkreisen protestieren geschlossen gegen die Dreigliedrigkeit - Für längeren gemeinsamen Unterricht

STUTTGART. Knapp hundert Schulleiter von Haupt- schulen fordern die Landesregierung auf, das selek- tive dreigliedrige Schulsystem aufzugeben und Kinder länger gemeinsam lernen zu lassen. Schützenhilfe kommt von der Opposition im Land.

Von Renate Allgöwer

¸¸Wir fordern die Landespolitik auf, einen längst überfälligen Paradigmenwechsel einzuleiten - weg vom selektiven dreigliedrigen Schulsystem, hin zu einem integrativen Schulsystem, in dem Kinder und Jugendliche, wie in anderen Staaten üblich, länger gemeinsam miteinander und voneinander lernen und dabei individuell gefördert werden". Das ist die Essenz eines offenen Briefes, den 96 Schulleiter- innen und Schulleiter von Grund- und Hauptschulen aus den Landkreisen Ravensburg und Bodensee an Ministerpräsident Günther Oettinger und Kultus- minister Helmut Rau (beide CDU) geschrieben haben. 131 Schulleitungen in der Region wurden angeschrieben. Das Echo bezeichnen die Initiatoren als überwältigend. Kein Schulleiter habe das Ansinnen abgelehnt.

Die praktizierenden Schulexperten betonen, dass sie als Leiter von Grund- und Hauptschulen Erfahrungen mit dem integrativen System haben, wie es in den Grundschulen praktiziert wird. Andererseits kennen sie sich als Hauptschulrektoren auch mit dem selektiven Schulsystem aus. Im gegliederten System mangelt es nicht nur an Leistungsfähigkeit, sondern vor allem an der sozialen Integration, ist der Befund der Schulleiter. Ihre Schlussfolgerung ist eindeutig: Schüler sollen länger gemeinsam lernen. Denn: ¸¸Schüler lernen in erste Linie von Schülern und erst in zweiter Linie von Lehrern."

Außer in Deutschland werden Schüler nur noch in Österreich nach vier gemeinsamen Schuljahren auf verschiedene Schularten aufgeteilt. Die Rektoren verweisen auf zahlreiche internationale Studien, bei denen Staaten mit längerer gemeinsamer Lernzeit in der Breite und in der Spitze ein höheres Niveau aufweisen. ¸¸Mit unserer wohldosierten Spitze befinden wir uns nicht unter den Besten", konstatieren die Rektoren.

Sie streben eine parteiübergreifende Verständigung über ein integratives Schulwesen an. Ideologische Bedenken wollen sie nicht gelten lassen. ¸¸Die oft zitierte Gesamtschule deutscher Prägung hat nichts mit einem integrativen Schulsystem zu tun", betonen die Praktiker. ¸¸Es ist unseriös, die Gesamtschule als nicht funktionierendes Beispiel einer integrativen Schule anzuführen," schreiben die Schulleiter. Auch das Argument, dass Baden- Württemberg im Vergleich mit anderen Bundeslän- dern nicht schlecht dastehe, lassen die Rektoren nicht gelten. Es gebe gar kein Bundesland mit einem flächendeckenden integrativen System, das sich vergleichen ließe.

Hintergrund des Briefes ist nach Auskunft der Initiatoren, dass in der Region Oberschwaben/ Bodensee viele integrative Modellversuche beantragt worden seien. Keiner sei vom Kultus- ministerium genehmigt worden. Dazu kommt die Bevölkerungsentwicklung. Die Statistiken belegen, dass in den nächsten Jahren immer weniger Kinder die Hauptschule besuchen werden. Trotz aller Innovationen und erfolgreicher pädagogischer Projekte wird die Hauptschule ¸¸abgewählt". Für die Rektoren ist dies in erster Linie eine Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz und der beruflichen Möglichkeiten. Erst im März hatte das Kultusmini- sterium ein neues Maßnahmenpaket für die Haupt- schulen vorgelegt. Dabei wird auf individuelle Förderung gesetzt, besonderes Augenmerk liegt auf dem Übergang in den Beruf. Alle noch so gut gemeinten Fitnessprogramme für die Hauptschule helfen jedoch nach Ansicht der Rektoren der Hauptschule nicht mehr weiter.

Das sieht Kultusminister Helmut Rau (CDU) anders. Ein Sprecher Raus betonte, man müsse den neuen Maßnahmen die Chance geben, sich auszuwirken. Über die Schulstruktur will Rau nicht mit sich reden lassen. ¸¸Der Rahmen zur Weiterentwicklung des Schulsystems steht fest, darüber gehen wir nicht hinaus", sagte der Sprecher. Integrative Bildungs- gänge sind dabei nicht vorgesehen. Möglich ist jedoch die engere Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Realschulen. Gemeinsamer Unterricht soll aber auf Arbeitsgemeinschaften im Ergänzungs- bereich begrenzt bleiben. ¸¸Es bleibt beim dreigliedrigen Schulsystem", heißt es aus dem Ministerium unverändert.

Beifall für die Schulleiter kommt von der Opposition. Die SPD sieht den offenen Brief als ¸¸schallende Ohrfeige für Kultusminister Rau". Die SPD erklärt sich mit den Schulleitern einig, dass bessere Lernbedingungen für alle Kinder überfällig seien. ¸¸Weg vom dreigliedrigen Schulsystem", das verlangt die SPD schon lange. Auch die Grünen unterstützen die Abkehr vom selektiven System. Sie werten das Schreiben der Rektoren als beispielloses Alarmsignal. ¸¸Der Druck von unten nimmt massiv zu", konstatieren die Grünen. Die Analyse der Rektoren zeige stringent auf, dass die Hauptschule als eigenständige Schulform in Baden-Württemberg keine Zukunft mehr habe. Die Grünen kündigen eine Debatte im Landtag an.
Stuttgarter Zeitung-Stadtausgabe 09.Mai07 S. 6 Ausgabe Nr. 106


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