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Entwicklung der Kinder führt geradewegs ins Chaos
28.08.2007
 
"Entwicklung der Kinder führt geradewegs ins Chaos"
 
Iserlohn. (tp) Erkennbar ist "nur die Spitze des Eisberges", meint Jugend-Ressortleiter Friedhelm Kowalski und wird von Bethanien-Chefarzt Dr. Ulrich Bildheim bestätigt, der ebenfalls von einem "dramatischen Anstieg bei der Zahl der Hochrisiko- Kinder" berichtet.
Der Fall André und die Konsequenzen, die auf den Tod des Säuglings folgen müssen, waren zentrales Thema bei der Jahreshauptversammlung der Kinderlobby am Montagabend im Vorgriff auf die noch in diesem Jahr stattfindende Klausurtagung zur Sicherstellung des Kindeswohles.
Bei aller Intensität der Debatte gelang es der Versammlung nicht, "Königswege" zu finden, doch die am Montag diskutierten Ansätze, wie sich das Gemeinwesen positionieren kann, soll oder muss, sind ein Beleg dafür, dass in Iserlohn im präven- tiven Bereich noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind.
Etwa 50 Familien-Fälle, in denen an die 100 "Hochrisiko-Kinder" leben, sind der Verwaltung bekannt, so Friedhelm Kowalski, der bei der Kinderlobby keinen Zweifel daran ließ, dass es in diesem Bereich in naher Zukunft einen deutlichen Anstieg geben werde. Gesellschaftliche Veränder- ungen, Arbeitslosigkeit und Werteverlust sind für den Ressortleiter das Fundament dieser katastro- phalen Entwicklung. Kowalski: "Wenn Eltern in Not sind, dann geben sie den Druck an ihre Kinder weiter." Neben allen anderen System- und Strukturfragen zum Schutz des Kindeswohles, die bei der Klausurtagung erörtert werden sollen, habe die Stadt für den Etat 2008 vorsorglich 1,3 Millionen Euro mehr für erzieherische Hilfen in den Haushalts- planentwurf aufgenommen. "Aber ich befürchte, dass das nicht reichen wird", so Kowalski mit Blick etwa auf die Kosten von Heimplätzen. Überdies sei die Lösung, Kinder aus ihren Familien zu nehmen, auch abseits juristischer Aspekte ungemein proble- matisch: "Wir überziehen diese Kinder dadurch mit Leid, egal, wie schlecht sie in ihren Familien behandelt werden."
"Bei 70 Prozent unserer Fälle würde ich es mir wünschen, die Eltern austauschen zu können", ließ Dr. Ulrich Bildheim wenig Interpretationsspielraum, wie prekär er die Lage an der Familienfront ein- schätzt. Auch wenn es dabei nicht um Fragen der Gesundheitsgefährdung gehe, könne er "direkt nach der Geburt sehen, dass die Entwicklung für diese Kinder geradewegs ins Chaos führt, es ist die schiere Katastrophe." Die Möglichkeiten des Gemeinwesens, korrigierend einzugreifen, sei aus vielerlei Gründen begrenzt. "Wie und mit wie viel Personal soll denn die öffentliche Hand eine konti- nuierliche Begleitung solcher Familien bewerk- stelligen? Wo ist der Interventionspunkt, wann muss es welche Sanktionen geben?"
Als einen praktikablen Weg, die Prävention auszubauen, sieht der Kinderarzt das beispielsweise in Hagen praktizierte Modell, unabhängig vom gesellschaftlichen und finanziellen Status jede Familie mit Neugeborenen in regelmäßigen Abstän- den von einer Hebamme und einer Kinderkranken- schwester besuchen zu lassen, um die Entwicklung des Kindes und seiner Lebensumstände festzustel- len. Ein weiterer Ansatz könnte es in den Augen Bildheims sein, verstärkt betreute Wohnangebote für junge Mütter einzurichten wie es sie bereits bei der Evangelischen Jugendhilfe gibt. Dass Angebote dieser Art Geld kosten, sei unstrittig, "die Frage ist, ob es uns das wert ist."
Wenig erfolgreich sei hingegen das Modell der "Iserlohner Paten", berichtete der Bethanien- Chefarzt über die ersten Erfahrungen mit der Familienbegleitung durch ehrenamtliche Kräfte, "es läuft schlecht." Nicht aber das Konzept an sich oder der Einsatz der Ehrenamtlichen sei gemeint, sondern die fehlende Bereitschaft der Eltern, Ange- bote dieser Art überhaupt anzunehmen, "man kommt an diese Leute nicht heran." Überdies seien Instrumente wie die "Paten" auch keinesfalls gedacht für Hochrisikofamilien, ergänzte Dr. Ricarda Kamp vom kinder- und jugendärztlichen Dienst des Kreisgesundheitsamtes.
Dass es durchaus Chancen gebe, Menschen in prekären Lebensumständen zu erreichen, glaubt Klaus Stinn. Die "Werkstatt im Hinterhof", die mit einer ähnlich schwierigen Klientel, nämlich Suchtkranken, arbeite, sei hierfür ein treffliches Beispiel. Die Hilfe- Nachfrage sei kontinuierlich gestiegen, "diese Menschen haben ihre Scham abgelegt, auch weil sie Wert geschätzt werden von den Mitarbeitern". Zuwendung sei der Schlüssel, "ich glaube nicht, dass wir so viel Geld brauchen." Und während Ressortleiter Friedhelm Kowalski nach eigenen Worten fest davon ausgeht, dass das Jugendamt der Stadt nach Abschluss der staatsan- waltschaftlichen Ermittlungen im Fall André vollständig rehabilitiert sein werde, will Klaus Stinn die Perspektive nicht auf das juristische Element verengt sehen: "Jedes System ist verbesserungs- fähig." Und daher sei auch für das Iserlohner Jugendamt eine externe Begutachtung notwendig. Eine Forderung, der sich auch die Kinderlobby anschließt und erweitert um eine komplette Überprüfung des bestehenden Familienfördersystems.
 Iserlohner Kreisanzeiger, 28.08.2007  




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