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"Ein Fernseher gehört nicht ins Kinderzimmer"
10.03.2007
 
Südwestdeutsche Ztg.

¸¸Ein Fernseher gehört nicht ins Kinderzimmer"
Ständiger Ausschuss des Landtags tauscht sich mit Experten über die Auswirkungen elektronischer Medien auf Kinder aus

STUTTGART. Patentrezepte hat die Anhörung des Ständigen Ausschusses gestern nicht geliefert. Aber Fernsehgerät und Playstation gehören nicht ins Kinderzimmer. Computerspiele machen dumm und gewalttätig. Darin sind sich die Experten einig.

Von Renate Allgöwer

Die Befunde der Wissenschaftler sind eindeutig. Kinder, die viel fernsehen oder viele Computer- spiele spielen, haben schlechtere Deutschnoten, und sie sind eher zu Gewalttaten bereit. Oder, wie der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer sagt, Fernsehen macht dick und dumm. Je länger Kinder unter drei Jahren vor dem Fernseher säßen, desto stärker seien ihre Aufmerksamkeitsstörungen, wenn sie sieben sind. Spitzer schreckt vor dras- tischen Maßnahmen nicht zurück. Er regt Plakat- kampagnen an mit dem Inhalt ¸¸Wenn du einen Fernseher im Kinderzimmer hast, dann wirst du halt Müllmann".

Betroffen sind vor allem Kinder aus bildungsfernen Schichten. Christian Pfeiffer, Direktor des Krimino- logischen Forschungsinstituts Niedersachsen, hat ermittelt, dass unter den Viertklässlern in Deutsch- land 38 Prozent der Jungen und 15,6 Prozent der Mädchen eine Playstation besitzen. Von den Migran- tenkindern hat sogar mehr als die Hälfte einen eigenen Fernseher. Je niedriger der Bildungsgrad der Eltern, desto mehr Geräte stehen im Kinder- zimmer. Besonders gut ausgestattet sind Buben. ¸¸Sie kommen in der Schule ins Hintertreffen, weil die Kinderzimmer voll sind, mit allem was das Herz begehrt", das steht für Pfeiffer außer Frage.

Maya Götz, die Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungs- fernsehen in München, findet, Kleinkindfernsehen werde tabuisiert. ¸¸Wir müssen viel stärker öffentlich machen, dass Fernseher und Spielkon- solen nicht ins Kinderzimmer gehören." Natürlich könnten Eltern ihre Kinder nicht von Medien fern halten. Götz rät, spät mit dem Fernsehen zu begin- nen, gemeinsam zu schauen und über das Gesehe- ne zu sprechen. Eltern sollten ihren Kindern Alter- nativen aufzeigen, was sie statt fernsehen tun könnten. Götz mahnt Schulungen für Eltern, Erzieher und Kinder an.

Dass Kinder und Jugendliche durch Fernsehen und Computer auch etwas lernen können, lassen die Experten nur begrenzt gelten. Maya Götz sagt mit Blick auf Zweijährige, ¸¸die Kinder lernen vor allem eines, fernsehen". Spitzer erklärt, der Computer, egal ob zu Hause oder in der Schule ¸¸mindert die intellektuelle Leistung". Dass Computerspiele die Konzentration und die Aufmerksamkeit schulen könnten, stimme nicht. Wenn aus allen Ecken Angreifer kämen, die es abzuwehren gelte, dann verhindere ein Computerspiel vor allem die Fähigkeit, die Konzentration auf einen Punkt zu fokussieren. Kleinkindern biete Fernsehen ¸¸etwa so viel Anregung wie ein Kohlenkeller".

Königswege aus dem Problem gibt es nicht. Da vor allem ärmere und bildungsferne Familien betroffen sind, sieht Pfeiffer ¸¸keine Alternative als Ganztagsschulen für alle". Dort sollen Angebote aus den Bereichen Sport, Musik und Kultur gemacht werden, die zu Hause fehlen. Dem pflichtet Albrecht Kutteroff vom Medienpädagogischen Forschungs- verbund Südwest bei. Musik könnte ein Weg sein, Jugendliche von Computerspielen wegzulocken. Er stellt bei niedrigeren Bildungsschichten ein beson- deres Interesse an Computern und Musik fest und verlangt, dass Musikschulen auch Kinder aus diesen Schichten fördern sollen. Lehrer müssten viel mehr Rückhalt bekommen. ¸¸Lehrer müssen sicher sein, dass die Schule voll hinter ihnen steht", sagt Kutteroff. Vor allem wenn es zum Beispiel darum gehe, Schülern das Handy wegzunehmen. Er sieht auch deutliche Defizite in der Lehrerausbildung. Medienpädagogik komme so gut wie nicht vor. Harald Schaber vom Landeskriminalamt Baden- Württemberg will die Altersbegrenzungen für Computerspiele überprüft wissen. Maya Götz verlangt, dass die Forschung und der Jugendschutz verstärkt werden. Allerdings stoße der Jugend- schutz im Internet an seine Grenzen. Sie setzt sich dafür ein, dass im Internet Schutzräume für Kinder und Jugendliche geschaffen werden.

An Verboten von Computerspielen scheiden sich die Geister der Experten. Die Herstellung von gewaltverharmlosenden Darstellungen sei längst verboten, führte Harald Schaber an. Dennoch wisse er von keiner Klage gegen einen Hersteller. Albrecht Kutteroff sieht in Verboten nicht mehr als symbolisches Handeln, es seien Aktionen nötig, die mehr Geld kosten würden. Spitzer ist für Verbote. ¸¸Es ist einfacher, wenn Mütter sagen können, das ist verboten, also verbiete ich dir"s auch." Fernsehen für unter Zweijährige würde er gleich mit verbieten. Verbote allein reichen jedoch nicht aus. Durch Killerspiele würden falsche Informationen verbreitet, etwa, Gewalt schadet nicht, tut nicht weh, und es gibt keine Alternative zu Gewalt. Das schade der Gesellschaft, also hält Spitzer eine Steuer auf Killerspiele für denkbar.


ALLGÖWER
© 2006 Stuttgarter Zeitung

Artikel aus der Stuttgarter Zeitung - Stadtausgabe, Freitag 9. März 2007, Ausgabe Nr. 57


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