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Kinder haben keine Lobby
26.09.2007
 
Internet - Computer

Kinder haben keine Lobby
PETER GLASERErziehung und Fürsorge gehören zu den Dingen, die Menschen mit Menschen tun sollten und nicht Maschinen mit Kindern. Doch die Zeiten ändern sich.

Es muss nicht gleich der kugelsichere Kinderwagen sein, wie er seit kurzem auf einer Website angeboten wird. Während der Panzer-Buggy sich auf den zweiten Blick dann doch als Werbegag für einen neuen Action-Film erweist, sind eine Reihe anderer Hightech-Produkte offenbar ernsthaft dem Kinderschutz zugedacht.

Im Januar 2004 veröffentlichte das ¸¸New York Times Magazine" eine Titelgeschichte über Kinder, die zu Tausenden für illegale Adoptionen oder als Sexsklaven in die USA verschleppt werden. Im Nachbarland Mexiko, einem der von solchen Entführungen am stärksten betroffenen Länder, war ein Vierteljahr zuvor bereits eine technische Lösung für das Problem angeboten worden. Die mexikanische Vertretung der US-Firma Applied Digital Solutions demonstrierte, dass sich Kinder mit denselben Methoden sichern lassen wie Ober- klassenlimousinen und entlaufene Haustiere - indem man ihnen nämlich einen Chip in Reiskorngröße implantiert, der berührungslos ausgelesen werden kann. Eine angekündigte Version, die per GPS zu orten sein sollte, löste so heftige öffentliche Reaktionen aus, dass man sich für"s erste auf den nur aus kurzer Entfernung lesbaren RFID-Chip beschränkte.

Da die Chips inzwischen im Verdacht stehen, Krebs hervorzurufen, und sich auch Entführer Geräte besorgen können, die solche implantierten Chips schnell finden, haben sich die Trends in der technischen Kinderkontrolle auf externe Instru- mente verschoben. Für fünf Dollar pro Tag kann man etwa in amerikanischen Vergnügungsparks Armbandsender für Kinder mieten. Sollten die Kleinen im Gewühl verloren gehen, lassen sie sich damit in dem in Funkzellen aufgeteilten Park orten.

Kinder haben keine Lobby, die fordert, der Technisierung der elterlichen Fürsorge Einhalt zu gebieten. Die Erziehung von Kindern ist etwas, das nicht Maschinen mit Kindern tun sollten. Soll nun eine Generation heranwachsen, für die es selbst- verständlich ist, von klein auf überwacht, geortet und gestreamt zu werden? Wie lange wird es dauern, bis neben Baby-Webcams auch Robot- Arme an der Kinderzimmerwand montiert werden, um erzieherisch eingreifen zu können?

Eine der jüngsten Innovationen auf dem Gebiet der Kinderverarbeitung ist der ¸¸Snoopstick" der kalifornischen Firma Solid Oak. Von dem baby- blauen USB-Stick wird eine ¸¸vollständig versteckte" Überwachungssoftware installiert. Damit lassen sich die Internetnutzung eines infizierten PCs und alle Tastatureingaben aus der Ferne über- wachen. Beworben wird das Gerät als Überwach- ungsinstrument für die Internet-Nutzung von Kindern. Auch eifersüchtige Ehepartner oder neugierige Chefs dürften an dem Schnüffler Gefallen finden.

Um die Dimension des Eingriffs zu illustrieren: Die verwendete Überwachungstechnik nennt sich ¸¸Keylogging" und wurde das erste Mal im Jahr 2002 prominent genutzt, um den New Yorker Mobster Nicodemo Scarfo Jr. zu überführen, der mit illegalem Glücksspiel Geld schaufelte. Der PC-Schnüffler: ein Trojaner. Die moderne Bezeichnung für solcherlei Methoden heißt bei uns in Deutschland Onlinedurchsuchungen.

SCHÖNFELD

Artikel aus der Stuttgarter Zeitung - Stadtausgabe, Mittwoch, 26. September 2007 Seite 10
Ausgabe: Nr.223





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