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Medizin - Kinder aus armen Familien häufiger krank
22.05.2007
 
Medizin

Kinder aus armen Familien sind viel häufiger krank
Studie zeichnet ein umfassendes Bild der deutschen Jugend

Immer mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland leiden an Essstörungen oder sind psychisch krank. Sie klagen auch oft über Schmerzen. Vor allem sozial schwache Familien sind betroffen. Arme Kinder treiben auch weniger Sport und putzen sich viel seltener die Zähne.

Von Klaus Zintz

Die Ergebnisse der in der vergangenen Woche vorgestellten Studie lassen aufhorchen: ¸¸Die am schwersten wiegende Erkenntnis ist, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien nicht nur in einzelnen Bereichen von Gesundheit und Lebensqualität schlechtere Ergebnisse aufweisen, sondern in durchweg allen", beschreibt das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) die in den Augen der Experten wohl wichtigste Quintessenz der Studie.

Das hat Folgen: ¸¸In dieser Gruppe findet man eine Häufung von Risikofaktoren, eine Häufung von Unfällen, Krankheit, Übergewicht, Umweltbelastungen, eine schlechtere gesundheitliche Versorgung und häufigere psychische Auffälligkeiten." Bei diesen Kindern - häufig haben sie einen Migrationshintergrund - fehlen vor allem die ¸¸Schutzfaktoren": die feste soziale Einbettung und ein gutes Familienklima, die ¸¸familiären Ressourcen", wie es die Fachleute nennen. Zwischen diesen Schutzfaktoren und dem gesundheitlichen Risikoverhalten seien ¸¸deutliche Zusammenhänge zu erkennen", formuliert es die Studienleiterin Bärbel-Maria Kurth wissenschaftlich vorsichtig. Ein augenfälliges Beispiel: Hauptschüler rauchen fünfmal häufiger als gleichaltrige Gymnasiasten.

Auch Zähneputzen wird bei Kindern aus sozial schwachen Familien viel häufiger vernachlässigt, und ganz besonders bei Kindern aus Migrantenfamilien. Und junge Migrantinnen mit niedrigem Sozialstatus haben es beim Sport ganz besonders schwer: Sie weisen den die ¸¸deutlichsten Aktivitätsdefizite" auf, wie die Studie vermerkt. Dabei steht Sport bei der Jugend generell nicht gerade hoch im Kurs: Die Empfehlung, die zu körperlich-sportlichen Aktivitäten an den meisten Tagen in der Woche rät, wird bei den 11- bis 17-Jährigen nur von jedem vierten Jungen und jedem sechsten Mädchen erreicht.

Doch trotz dieser Defizite rückte die Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt bei der Vorstellung der Studie das ¸¸erfreuliche Ergebnis" in den Vordergrund, dass es den Kindern in Deutschland im ¸¸Großen und Ganzen gut geht". Dies kann jedoch nicht eine Entwicklung verdecken, welche die Experten mit Sorge erfüllt: Demnach verschieben sich die Krankheiten und Störungen bei Kindern und Jugendlichen zunehmend von akuten zu chronischen Leiden wie Fettleibigkeit, Asthma und Allergien. Ein ernst zu nehmendes Problem sind auch die Schmerzen, über die Kinder und Jugendliche offenbar zunehmend klagen: Deswegen gingen mehr als die Hälfte der Kinder (drei bis zehn Jahre) und mehr als ein Drittel der Jugendlichen (elf bis 17 Jahre) zum Arzt. Bei diesen standen Kopfschmerzen an erster Stelle, gefolgt von Bauch- und Rückenschmerzen.

Das Krankheitsgeschehen wird allerdings immer häufiger nicht von körperlichen Beschwerden bestimmt, sondern von Störungen der Entwicklung sowie des emotionalen und sozialen Verhaltens: Zwölf Prozent der Mädchen und 18 Prozent der Jungen kämpfen mit Verhaltensproblemen, emotionale Schwierigkeiten haben bei den Mädchen zehn und bei den Jungs neun Prozent, und hyperaktiv sind fünf Prozent der Mädchen und zehn Prozent der Jungen. Das beginnt bereits bei Vorschulkindern: Bei knapp zwei Prozent wurde die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ADHS diagnostiziert.

Der große Vorteil dieser Studie ist neben dem umfangreichen Datenmaterial auch das ausgesprochen weite Themenfeld, zu dem die Teilnehmer befragt wurden. So reichen die Datenerhebungen vom Verhalten der schwangeren Mutter über das Stillen bis zur sexuellen Reifung der Jugendlichen. Und körperliche und seelische Gesundheit sind ebenso Schwerpunktthemen wie das Gesundheitsverhalten, zu dem auch die Ess- und Trinkgewohnheiten gehören.

Bei letzten fällt vor allem die zunehmende Vorliebe für Alkohol auf: So gaben in der Altersklasse der 11- bis 17-jährigen etwa ein Drittel der Jungen und ein Viertel der Mädchen an, zurzeit mindestens einmal in der Woche Alkohol zu trinken. Und sowohl bei den Mädchen als auch den Jungs hatten in dieser Alterstufe knapp zwei Drittel schon einmal Alkohol getrunken.

Doch es ist bei den Getränken nicht allein der Alkohol, der den Medizinern Sorgen macht. Auch der beachtliche Konsum an stark gesüßten Limonaden aller Art, an Cola, Eistee und Fruchtsaftgetränken ist alles andere als gesundheitsfördernd. Das Tückische dabei ist, dass die Kinder den vielen versteckten Zucker, den sie in flüssiger Form trinken, in solchen Mengen nie als Würfelzucker zu sich nehmen würden. Wenig verwunderlich ist dagegen die allgemeine Vorliebe der Kinder und Jugendlichen für Süßes: 16 Prozent essen täglich Schokolade und beinahe 20 Prozent andere Süßigkeiten.

Was sind nun die Schlussfolgerungen aus dieser Studie? ¸¸Auf akute Erkrankungen ist unser Gesundheitssystem sehr gut vorbereitet", meint dazu Michael Thamm, der beim RKI von Anfang an bei der Studie mitgearbeitet hat. Doch die Ergebnisse der Studie zwingen nun dazu, sich in Zukunft stärker auf chronische und psychische Störungen einzustellen. Das sieht man nicht nur beim RKI so, sondern auch in der bundesdeutschen Ärzteschaft. Denn Kinder, die auf diesem Gebiet Hilfe brauchen, werden oft nicht rechtzeitig ¸¸identifiziert", wie die Experten sagen - auch deshalb nicht, weil sie häufig nicht zu den Vorsorgeuntersuchungen gehen. Daher fordern die Fachleute, an den Schulen Strukturen zu schaffen, um auch solchen psychisch auffälligen Kindern zu helfen. So wäre es schon sehr hilfreich, wenn in jeder Schule ein - vertraglich gebundener - Psychologe als Ansprechpartner zur Verfügung stünde. Das würde zwar Geld kosten; aber es ist eine alte Weisheit, dass psychische Störungen, wenn sie einmal ausgebildet sind, sich nur schwer - und teuer - therapieren lassen.

Stuttgarter Zeitung-Stadtausgabe 22.Mai S.10 Ausgabe Nr. 116


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