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Privatschulen Info
01.03.2007
 
Privatschulen - Das Beste fürs Kind
Von Regina Mönch -  13. Februar 2007

Es war eine eigensinnige Entscheidung, als vor anderthalb Jahren an der Torstraße in Berlin-
Mitte eine private bilinguale Ganztagsschule mit
Kindergarten und Vorschule ihre Pforten öffnete,
die „Berlin Metropolitan School“ (BMS).

Die meisten öffentlichen Schulen der Gegend
waren nach der Wende geschlossen worden, weil
es schlicht zu wenige Kinder gab. Doch die BMS
kennt dieses Problem nicht. Ihre Wartelisten sind
lang, trotz hohen Schulgelds – um die 400 Euro
monatlich – und beunruhigender Streitereien in
den Gründervereinen um Mitbestimmung und
eine solide Finanzierung. Manche Eltern re-
servieren schon einen Platz, wenn das künftige
Schulkind gerade mal acht Monate alt ist.

Die BMS sieht die Alphabetisierung in Englisch
vor, beginnend im Kindergarten. Das kommt
vielen Eltern entgegen, die für ihre Kinder eine
international kompatible Ausbildung wünschen,
die einige staatliche Schulen auch anbieten, doch,
gemessen am Bedarf, viel zu selten. Andere
Familien aber haben ihr Kind hier angemeldet,
weil sie es in Sicherheit bringen wollten vor über-
bordenden Problemen in vielen Vierteln Berlins,
in denen man ihrer Ansicht nach zwar vielleicht
noch wohnen, nicht aber gefahrlos ein Kind zur
Schule schicken kann.

16.000 Euro im Jahr
Knapp vierzig Minuten von der Berliner Innen-
stadt entfernt liegt der kleine Ort Rangsdorf.
Auch dort hat sich am See eine private Ganz-
tagsoberschule mit Internat etabliert, eine von
vielen im sogenannten Speckgürtel der Haupt-
stadt.

Vor sechs Jahren begann der Unterricht, noch
auf einer großen Baustelle, denn das sechzehn
Hektar große Gelände, das in seiner kurzen
zivilen Vorkriegszeit einen Fliegerclub mit Flug-
platz beherbergte, war erst 1994 von den Russen
geräumt worden und sah entsprechend verwüstet
aus. Viele Häuser auf dem Campus waren nicht zu
retten, sie haben unspektakulären neuen Platz ge-
macht; und die Wildnis ringsum ist wieder eine
Parkanlage, durch die sich die Schulwege bis
hinunter zum See und zu den Golf- und Tennis-
plätzen schlängeln.

Das Schuljahr kostet fast fünftausend Euro, im
Internat, in dem siebzig der zweihundert Kinder
wohnen, gar 16.000 Euro. Die meisten Schüler
pendeln zwischen Berlin und der Seeschule. Ihre
Eltern sind Ärzte, Anwälte oder in freien Berufen
tätig, die wenig Zeit für ein geregeltes Familien-
leben lassen. Statt Hauspersonal kauft man dem
Kind die Gesellschaft Gleichaltriger, dazu ein eher
durchschnittliches, aber grundsolides Schul-
programm, dessen Erfolge sich schnell herum-
gesprochen haben. Mit einem benachbarten
Gymnasium pflegt man engen Kontakt, besonders
begabte Mathematikschüler der Privatschule etwa
dürfen am staatlichen Leistungskurs teilnehmen.

Derart harmonisches Nebeneinander ist eher
selten, doch in Brandenburg mit seinen enormen
demographischen Problemen gilt: Wer eine Schule
gründet, bleibt und zieht Menschen an. Staats-
ferne als pädagogisches Konzept.

Beide Schulen, die metropolitane internationale
in der Mitte Berlins wie die Stadtrandschule am
See, füllen als private Lehranstalten eine Lücke
im Angebot, zumal im Umland der Hauptstadt,
einer Region, die sich stark verändert hat in den
letzten anderthalb Jahrzehnten. Insofern sind sie
Privatschulen nach traditionellem Vorbild. Doch
sie sind auch Beispiele eines Privatschulbooms,
wie ihn Deutschland noch nie erlebt hat. Innerhalb
von zwölf Jahren hat sich die Zahl der Privatschüler
verdoppelt, und die Schulen, in die sie geschickt
werden, erfüllen nicht mehr nur besondere Eltern-
wünsche wie etwa die konfessionellen oder die
Waldorfschulen. Auch die unbestreitbaren Vorzüge
vieler Privatschulen – kleine Klassen und eine
meist hochmotivierte Lehrerschaft, die von den
tausend Fallstricken deutscher Schulbürokratie
befreit ist – genügen nicht, den Boom zu erklären.

Es hat sich etwas sehr Grundlegendes geändert –
und das gibt Anlass zur Sorge.

Der Boom, den genau zu analysieren sich lohnt
– und zwar bildungspolitisch –, hat seine
Schattenseiten. So tummeln sich auf dem als
lukrativ hochgejubelten Markt auch Privat-
schulgründer, deren Staatsferne allein schon
als pädagogisches Konzept verkauft wird.

Und neu ist auch die Hoffnung, mit Kindern und
verunsicherten Eltern sei schnelles Geld zu
machen. Wer Privatschulen wie ein ganz normales
Unternehmen führen will, ohne damit Erfahrungen
zu haben, kann böse Überraschungen erleben –
zum Beispiel dann, wenn einer der Hauptgeld-
geber plötzlich am pädagogischen Konzept
mäkelt und die Mittel ersatzlos aus dem Unter-
nehmen zieht.

Die Staatsschule wird schlechter geredet, als sie
ist. Die tatsächlichen und vermeintlichen
deutschen Bildungsmiseren, vor allem die zum
Teil schrille Diskussion darüber, haben viele Eltern
eher verunsichert denn aufgeklärt. Das ist ein
wesentlicher Auslöser des Privatschulbooms,
denn empfindlich reagieren vor allem jene, für
die Bildung immer noch ein hohes Gut ist. Dem
Mantra, zuerst gelte es in den Schulen der
sozialen Gerechtigkeit aufzuhelfen, setzen immer
mehr Familien stillschweigend Verweigerung
entgegen. Und mit den rätselhaften Reaktionen
der deutschen Kultusministerkonferenz auf Fehl-
entwicklungen können normale Menschen ohne-
hin nur wenig anfangen.

In dieser Entwicklung zeigt sich nicht nur das Un-
vermögen deutscher Bildungspolitik, Probleme
zu lösen und Irritationen von Eltern zu beheben.
Auch der Unsinn, hier werde nur nachgeholt, was
andere westliche Länder längst hinter sich haben,
bleibt unwidersprochen, obwohl der Verweis
privater Schulgründer auf die Niederlande und
Großbritannien wenig taugt, da deren Schul- und
Bildungstradition eine völlig andere als die
deutsche ist. Die staatliche deutsche Schule wird
schlechter geredet, als sie ist, und es fehlt ihr an
glaubwürdigen Verteidigern. Bedrohte Apfelsorten
und Auerhähne hätten es leichter.

Berlin ist eine ehrliche Stadt
In größeren Städten, vor allem in Berlin, wird
auch darüber geredet, dass die Kindheit des eigenen Nachwuchses nicht dazu herhalten soll,
die über Jahrzehnte ignorante Einwanderungs-
politik Deutschlands auszubaden, doch geschieht
das nur im privaten Kreis. Nach außen hat Mi-
gration als Chance, als Bereicherung zu gelten,
und sei es nur für den guten Ton. Wer das anders
sieht und erlebt in allernächster Nachbarschaft,
zieht entweder um oder meldet sein Kind unter
falscher Adresse in sozial stabilen Vierteln an
und nimmt dort sogar größere Klassen in Kauf.

Oder er flieht ins Private, obwohl keineswegs alle dieser Schulen bessere Schulleistungen, etwa
beim Pisa-Vergleich, vorzuweisen hatten. Eine
Gesellschaft, die man für egalitär hielt, spaltet
sich, und die privaten Schulen sind nur eines der
sichtbaren Zeichen dafür.

Berlin ist eine ehrliche Stadt, sie veröffentlicht
im Internet nicht nur die wachsende Zahl von
Gewalttaten Jugendlicher, was ziemlich einmalig
ist und trotzdem nichts hilft. Sie zeigt in ihrem
Internet-Schulführer auch an, wie viele Kinder,
deren Muttersprache nicht die deutsche ist, an
einer Schule lernen und woher die Eltern
stammen. Die Zahl der Schulen, die nur noch
Migrantenkinder mit Sprachnöten unterrichten,
wächst, und die anderen in solchen Vierteln sind
rasch überfüllt.

Ein kulturelles Fundament droht zu zerfallen

Und die Mittelschicht, von Abstiegsängsten heim-
gesucht, aber auch entnervt angesichts hilfloser
Appelle, auf die heilsame Wirkung guter sozialer
Mischungen zu vertrauen: Sie kündigt einen
Konsens auf, der bald zweihundert Jahre gehalten
hat und eine Modernisierung hervorbrachte, von
der wir heute noch zehren. Vergessen scheint der
kanonische Satz im Allgemeinen Preußischen
Landrecht (1794): „Schulen und Universitäten sind
Veranstaltungen des Staates, welche den Unterricht
der Jugend in nützlichen Kenntnissen und
Wissenschaften zur Absicht haben.“

Das Privatschulwesen, das in Deutschland eine
gute Tradition als Ergänzung und gesunde Kon-
kurrenz des staatlichen hatte, profitiert nun von
schlechtgelaunten und unglücklichen Lehrern,
von fehlenden Putzfrauen, von mysteriösen Fehl-
stunden an Staatsschulen, die niemand aufklären
will – und die es in Privatschulen trotz gleicher
Ausstattung nicht gibt –, und von der Weigerung
einer Gesellschaft, offen über die Folgen sozialer
und kultureller Veränderungen zu streiten. Damit
droht ein Fundament zu zerfallen, ein kulturelles
zumal, auf dem die deutsche Schule steht, seit
dem achtzehnten Jahrhundert, das man nicht von
ungefähr immer noch das „pädagogische Jahr-
hundert“ nennt. Es brachte, unter anderem, das
neuhumanistische Gymnasium hervor: eine
Schule, die jeden aufzunehmen hatte, der es
leisten konnte, nicht aber nur den, der es sich
leisten konnte.

F.A.Z., 14.02.2007



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