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Psychisch kranke Kinder müssen lange auf Hilfe warten
18.05.2007
 
Südwestdeutsche Ztg.

Psychisch kranke Kinder müssen lange auf Hilfe warten
Streit um Ausbau der Versorgung im Südwesten - Klinikbetreiber wollen neue Betten - AOK: Erst ambulante Angebote stärken

STUTTGART. Seelisch kranke Kinder haben es im Land sehr viel schwerer als Erwachsene, ärztliche Hilfe zu finden. Daran wird sich so schnell auch nichts ändern. Die Jugendpsychiatrie wird nur schleppend ausgebaut. Dabei sehen alle Beteiligten einen Mangel.

Von Thomas Breining

Depressionen, Folgen von Misshandlung, Störungen des Sozialverhaltens, Trennungsängste, Schlafstörungen, posttraumatische Belastungs- störungen - das sind nur einige der ¸¸typischen Störungen", die schon bei Kleinkindern bis drei Jahren ¸¸mindestens genauso häufig wie zu späteren Zeitpunkten" beobachtet werden. So heißt es in einem Papier des Sozialministeriums. Rund 22 Prozent der Kinder und Jugendlichen weisen psychische Auffälligkeiten auf. So wird aus einem Bericht des Robert-Koch-Instituts zitiert. Das heißt nicht, dass im gleichen Maße auch ein medizinisch- psychiatrischer Behandlungsbedarf besteht. Zu sagen, bis wohin ein Kind verhaltensauffällig und von wo ab es psychisch krank ist, ist schwierig. Die Grenzen zwischen beratungs-, erziehungs- und behandlungsbedürftig seien fließend.

Wie dem auch sei: ¸¸Praktiker der Kinder- und Jugendpsychiatrie gehen tendenziell von einer Zunahme der psychischen Erkrankungen bei Kindern auch in Baden-Württemberg aus." Das gilt, auch wenn es immer weniger Kinder gibt. Schon von 2000 bis 2005 stieg laut Sozialministerium allein die Zahl der vollstationär behandelten Kinder um 38 Prozent auf 3700. Der Ausbau der Versor- gungsangebote für die jungen Patienten kommt mit dem wachsenden Bedarf aber nicht mit.

Die Lage ist verwirrend. Träger stationärer Einrichtungen reißen sich geradezu darum, neue Plätze einrichten zu dürfen. Bei ambulant tätigen Psychiatern und Psychotherapeuten geht man anhand der Zahlen dagegen von Überversorgung aus. Das passt aber nicht zur Realität. Sie ist geprägt von langen Wartelisten bei den Niederge- lassenen. Nur als Notfall habe ein Kind die Chance, zügig zu einem Facharzt für Jugendpsychiatrie vorzudringen, heißt es. Auch im stationären Bereich liege viel im Argen. So würden akut zu behandelnde Jugendliche im Rettungswagen mit Polizeibegleitung quer durchs Land gefahren, um in einer Klinik Aufnahme zu finden, wird berichtet. Nicht selten landen junge Patienten fachfremd in einer Erwachsenenpsychiatrie oder einer Rehaklinik.

Das Sozialministerium sieht denn auch eine ¸¸relativ angespannte Versorgungssituation in der Kinder- und Jugendpsychiatrie" und hält ¸¸einen weiteren moderaten Ausbau des Angebots" bei stationären Einrichtungen für angezeigt. In der jüngsten Sitzung des Landeskrankenhausaus- schusses konnte man sich aber dazu noch nicht durchringen. In diesem Ausschuss müssen sich die Akteure des Krankenhauswesens zusammen raufen, also Betreiber, Kostenträger, Mediziner, Kommunen und Land. Das ist ihnen noch nicht gelungen. Vor allem die Kassen bremsen die Ausbaupläne der Einrichtungen.

Um Jugendliche ¸¸nicht vorschnell in eine stationäre Situation abzuschieben", habe die AOK auf eine optimale Vernetzung von ambulanten und stationären Hilfen gedrängt, sagt der stellvertre- tende Vorstandschef der AOK Baden-Württemberg, Christopher Hermann. Allerdings wisse man gar nicht genau, wie die Versorgungslage für psychisch kranke Kinder im Land aussieht. Das Sozialmini- sterium arbeite das mühsam auf. Und das dauere eben. ¸¸Jetzt müssen alle Beteiligten eine sinnvolle Zusammenschau vorbereiten", so Hermann. Eine stationäre Unterbringung ¸¸kann nur am Ende einer Krankheitskarriere stehen". Zuvor müssten ¸¸deutlich niedrigerschwellige Angebote" stehen. Hermann sieht vor allem Bedarf für tagesklinische Plätze.

Dass es mit der ambulanten Versorgung von psychisch kranken Jugendlichen nicht zum Besten steht, weiß auch der AOK-Spitzenmann. Weil das Land zum Beispiel mit niedergelassenen Psycho- therapeuten gut ausgestattet ist, werden keine weiteren zugelassen. Laut einer Übersicht des Sozialministeriums bewegen sich die Versorgungs- grade in den Stadt- und Landkreisen zwischen 111 und 591 Prozent. Es gibt aber keine eigene Planung für kinder- und jugendpsychiatrischen Bedarf. Und die meisten Praxisinhaber ziehen es vor, sich Erwachsenen zuzuwenden. Sie sind bequemer zu behandeln.

Als Ausweg für Kinder dient eine klinische oder tagesklinische Behandlung. Die Kinder- und Jugendpsychiatrien sind mit 93 Prozent die am stärksten ausgelasteten Klinikabteilungen, obwohl auch dort die Verweildauer der Patienten kürzer wird. Sie ist mit - laut Ministerium - durchschnittlich 42 Tagen immer noch die höchste. Da lohnen sich Investitionen in neue Betten.

Wie viele braucht man? Um darauf eine Antwort zu finden, zieht das Sozialministerium hilfsweise eine Expertise aus Hessen heran, die auch für den Südwesten gelten könne. Nach diesem Modell sollte es in Baden-Württemberg je 10 000 unter 18-Jährigen vier voll- und teilstationäre Plätze geben. Tatsächlich waren es 2006 in der Regelver- sorgung nur 2,3. Rechnet man die Sonderversor- gung für geistig Behinderte oder Suchtkranke hinzu, waren es 2,9 Plätze. Nimmt man bereits projektierte, aber durch Klagen blockierte Vorhaben dazu, sind es insgesamt 3,2 Plätze je 10 000 Kinder und Jugendliche. Damit liegt das Land im Bundes- vergleich ganz hinten. Der Fehlbedarf liegt nach dieser Rechnung bei knapp 180 Plätzen.

Die Kliniken haben Lunte gerochen. Elf von 19 Trägern beantragen 158 weitere Betten oder Plätze. Weitere fünf haben ihre Absicht dazu bekundet. Erstaunlicherweise sind die meisten Ausbaupläne kaum neun Monate alt. Die Antragsteller werden sich gedulden müssen. Das Sozialministerium lädt für Mitte Juni zum nächsten Fachgespräch. Weil die Verteilung der Einrichtungen übers Land sehr ungleichmäßig ist, will es auf eine ¸¸möglichst ausgewogene regionale Gebietsabdeckung" hinwirken. Größte Chancen haben tagesklinische Angebote.
Stuttgarter Zeitung-Stadtausgabe 18.Mai07 S. 6 Ausgabe Nr. 113


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