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Reformrufe der Rektoren finden erhebliches Echo
10.05.2007
 
Südwestdeutsche Ztg.

Reformrufe der Rektoren finden ein erhebliches Echo
Schulleiter werden wegen ihres offenen Briefes vor die Aufsichtsbehörde zitiert - Unterstützung für die Südwürttemberger

STUTTGART. Kultusminister Helmut Rau (CDU) droht den Schulleitern, die für eine Änderung des Schulsystems plädieren, mit disziplinarischen Maßnahmen. Dennoch bekunden Rektoren aus anderen Regionen ihre Solidarität. Zuspruch kommt auch von der GEW.

Von Renate Allgöwer

Schon die Form der Auseinandersetzung hat Kultusminister Rau nicht gefallen. Knapp hundert Rektoren hatten sich, wie berichtet, mit einem offenen Brief für eine Verlängerung der gemein- samen Schulzeit und die Aufhebung des dreiglied- rigen Schulsystems eingesetzt. Rau stößt sauer auf, dass die Rektoren die Gelegenheit zur Aussprache bei seinem Besuch in Argenbühl (Kreis Ravensburg) nicht genutzt hätten.

Jetzt werden die Beamten vor die Schulaufsicht zitiert. Von dem Gespräch wird abhängen, ob und welche Konsequenzen den Schulleitern blühen. Die hundert Rektoren sind zwar nicht begeistert, aber sie bleiben unbeirrt. Hochschulprofessoren und Bildungswissenschaftler hätten ihnen nach der Veröffentlichung des Schreibens den Rücken gestärkt, berichten die Initiatoren. Ungeachtet der Drohung des obersten Dienstherrn, gehen die Rektoren aus Oberschwaben davon aus, dass sich ihre Kollegen in anderen Landkreisen anschließen. Aus Stuttgart gibt es schon Zuspruch. ¸¸Wir wollen die inhaltliche Diskussion", sagt Bernd Dieng, einer der Unterzeichner, unverändert. Verschiedene Schulen aus den Kreisen Ravensburg und Bodensee hätten sechsjährige Grundschulen einrichten oder den gemeinsamen Unterricht von Haupt- und Realschülern erproben wollen. Diese Anträge könnten nicht mit dem Hinweis abgetan werden, das Land halte am dreigliedrigen Schulsystem fest. Rau zieht die Förderung der frühkindlichen Bildung der längeren Grundschule vor.

Dieng machte gestern die Haltung der Rektoren noch einmal deutlich. ¸¸Entscheidend ist die Verlängerung der gemeinsamen Schulzeit." Die Schulleiter hoffen auf eine schrittweise Verlängerung der Grundschule. Bei Pisa erfolgreiche Staaten etwa hätten acht Jahre gemeinsame Schulzeit. Die Reformer wollen auch die Gymnasien in die Veränderung der Schulstruk- tur einbeziehen. Mit einer bloßen Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen sei es nicht getan. Für die Schulleiter steht außer Frage, dass das Schul- system die Qualität der Förderung bestimmt. Solange Gymnasien und Realschulen ihre Schüler abgeben könnten, müssten sich Schüler dem System anpassen. ¸¸Wir müssen aber den Blick auf den einzelnen Schüler richten und jedem Schüler ein Angebot machen". Mit einer Veränderung der Struktur allein sei nichts gewonnen. Sie sei jedoch die Voraussetzung für Änderungen in der Methodik.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) teilt die Meinung der Rektoren. ¸¸Das Kultusministerium verwaltet, anstatt zukunftsfähige Bildungspolitik zu gestalten, und verschläft die rechtzeitige Modernisierung unseres Schulsystems", kritisiert Rainer Dahlem. Wer selbstständige Schulen wolle, müsse den Appell aus Südwürttem- berg ernst nehmen, anstatt kritischen Lehrern Maulkörbe zu verpassen. In einer offenen Diskussion über ein leistungsfähiges wohnortnahes Schulangebot müsse auch über integrative Schul- systeme gesprochen werden. Für den Erhalt der Hauptschule sprechen sich dagegen die Berufsschu- llehrerverbände und der Philologenverband aus. ¸¸Wenn das dreigliedrige Schulsystem abgeschafft wird, verlagern sich die Probleme auf Gymnasien und Realschulen", argumentiert Karl-Heinz Wurster vom Philologenverband. Eine längere gemeinsame Schulzeit würde nicht mehr individuelle Förderung, sondern schlechter ausgebildete Realschüler und Gymnasiasten zur Folge haben. Das Image der Hauptschulen müsse verbessert, die Durchlässigkeit zwischen den Schularten erhöht werden.

Der Realschullehrerverband betont, schwächere Schüler würden eine Ganztagsschule, keine Einheitsschule benötigen. Eine erfolgreiche und anerkannte Schule wie die Realschule dürfe nicht geopfert werden, um ungewisse Theorien zu überprüfen. Die Lösung der Probleme liege nicht in der Zerschlagung bewährter Strukturen, erklären die Berufsschullehrerverbände. Sie sehen jedoch die Kooperation von Haupt- und Realschulen als eine Möglichkeit. Ansonsten böten berufliche Schulen gute Anschlussmöglichkeiten; Hauptschulen seien keine Sackgasse. ¸¸Wenn die Hauptschule als Schulart überhaupt noch bestehen bleiben soll, muss ihr massiv geholfen werden", verlangt der Verband Bildung und Erziehung (VBE). ¸¸Solange Hauptschullehrer kürzer ausgebildet und schlechter bezahlt werden, wird die Hauptschule niemals eine gleichwertige weiterführende Schule sein", erklärte der Landeschef Rudolf Karg.
Stuttgarter Zeitung-Stadtausgabe 10.Mai07 S. 6 Ausgabe Nr. 107


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