NEWS

"Lehrer sollten in den Ferien Stützkurse geben"
14.09.2007
 
Südwestdeutsche Ztg.

¸¸Lehrer sollten in den Ferien Stützkurse geben"
Mutter Staab will fast Unmögliches, findet Lehrer Gomolzig

Nach den Ferien ist vor den Ferien. Vielen Eltern graut schon vor den Herbstferien, weil es an der Betreuung fehlt. Lehrer beklagen, die Abstände zwischen den Ferien seien zu kurz für sinnvollen Unterricht. Die Interessen von Lehrern und Eltern passen nicht immer zusammen. Das zeigt sich im Streitgespräch zwischen Christiane Staab und Michael Gomolzig, moderiert von Renate Allgöwer.

Haben wir zu viel Ferien?

Christiane Staab: Wir haben zu viel Ferien, was die Eltern angeht. Da Durchschnittseltern nur 30 Tage Urlaub haben, haben viele Eltern ein großes Betreuungsproblem. Wenn man die Kinder betrachtet, die durch den Unterricht sehr strapaziert sind, haben die Kinder nicht zu viel Ferien. Sie brauchen diese Zeit auch als Erholungszeit. Wir müssen aber das Problem der Betreuung lösen.

Michael Gomolzig: Den Lehrern und den Schülern kann es wahrscheinlich nie genug Ferien geben. Das Betreuungsproblem erkennen die Lehrer durchaus. Es kann jedoch nicht sein, dass wegen der Betreuung die Kinder weniger Ferien haben sollen. Die Ferien sind rhythmisch abgewechselt. Sieben bis sechs Wochen, manchmal auch nur vier Wochen bis zum nächsten Ferienabschnitt, das heißt Schulzeit und Ferienzeit sind in vernünftigem Wechsel angeordnet. Es wäre gefährlich, wenn man die Zeit, die für Kinder Erholung sein soll, mit Schule füllen wollte.

Staab: Es stimmt nicht, dass immer große Blöcke Unterricht zwischen den Ferien sind. Schon um den dritten Oktober gibt es zwei bewegliche Ferientage. Für viele Erstklässler beginnt die Schule erst am 14. September, nach zwei Wochen haben sie schon wieder eine Woche frei. Am 28. Oktober sind schon wieder Ferien. Durch die beweglichen Ferientage gibt es viele Zerstückelungen. Die beweglichen Ferien könnten wir abschaffen.

Gomolzig: Es ist einfach nicht wahr, dass das Schuljahr zerstückelt ist. Wir haben acht bewegliche Ferientage. Die meisten Schulen legen in die Faschingswoche fünf Ferientage. Dann bleiben noch drei Tage übrig, über die wir streiten. Im Übrigen werden die beweglichen Ferientage in der Schulkonferenz festgelegt, das heißt, auch Eltern stimmen dem zu.

Staab: Das Problem ist, dass die Schulen nicht einheitlich vorgehen. Da hat der große Bruder auf dem Gymnasium in der Nachbarstadt andere freie Tage als die Schwester in der Grundschule. Es wäre für viele Familien einfacher, wenn die beweglichen Ferientage wenigstens über Stadtgrenzen hinweg gleich eingesetzt würden. Wenn der eine hier zwei Tage frei hat und die andere da, muss die Mutter vier Tage Urlaub nehmen und kann die Zeit doch nicht gemeinsam mit den Kindern verbringen.

Gomolzig: Man bemüht sich, möglichst innerhalb eines Kreises die Tage gleich zu legen.

Sind die normalen Ferien strittig?

Staab: Darüber gibt es im Landeselternbeirat keine Diskussion. Man möchte die Ferien in groben Zügen so beibehalten.

Es gibt ja extreme Forderungen. Zum Beispiel Pfingst- und Osterferien wegfallen zu lassen und nur noch einen Frühjahrsferienblock zu machen und die Sommerferien zu verlängern.

Gomolzig: Da drehen Eltern durch.

Staab: Das glaube ich auch. So eine Forderung ist an uns noch kaum gekommen.

Gomolzig: Pädagogisch sinnvoll ist der Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung . . .

Staab: Genau.

Gomolzig: Unbestritten ist die Problematik der Betreuung und des Fernsehens. Aber dann müssten wir auch die Wochenenden abschaffen. Am Montag muss viel aufgearbeitet werden, weil die Kinder von Freitagabend an durchgehend Dinge angucken, die ihnen nicht gut tun, weil manche Eltern nicht in der Lage sind, ihren Kindern ein Angebot zu bieten. Auf der anderen Seite gibt es Eltern, Onkel, Tanten, Großeltern, die ihren Kindern in den Ferien was bieten. Solche Ferien sind wichtig, damit man was anderes sieht als Schule. Als Lehrerverbandsvertreter sage ich natürlich auch, wir wollen nicht, dass Lehrer noch weniger Urlaub haben.

Wie müsste die unterrichtsfreie Zeit gestaltet werden, damit Eltern 75 Tage Ferien mit 30 Urlaubstagen vereinbaren können?

Staab: Ganz klar ist, die Betreuungssituation muss aufgefangen werden. Es kann nicht angehen, dass Kinder während der Ferien vor dem Fernseher geparkt werden. Da sind aber neben der Schule vor allem die Kommunen gefragt. Darüber hinaus ist die Frage, welche Angebote die Schule in den Ferien machen kann, zu denen man in der Schulzeit nicht mehr gekommen ist. Zum Beispiel ist im achtjährigen Gymnasium der Unterrichtsstoff sehr komprimiert. Lehrer haben gar keine Zeit mehr, Versuchsreihen aufzubauen. Können Lehrer nicht zum Beispiel in den Herbstferien zumindest für interessierte Schüler Angebote machen? Ich will niemanden verpflichten, aber Arbeitsgemeinschaften in den Ferien anzubieten, warum geht das nicht?

Gomolzig: Das ist eine gute Frage. Das wäre jedoch ein Eingriff in die flexible Feriengestaltung der Lehrer. Bisher können Lehrer ihre 30 Tage Urlaub beliebig während der Schulferien gestalten. Es kann nicht sein, dass Eltern den Lehrern vorschreiben, in welchen Ferien sie an der Schule präsent sein müssen. Freiwillige Angebote sind jedoch möglich. Schon jetzt werden zum Beispiel in Osterferien an den Volkshochschulen Vorbereitungskurse angeboten, da werden zum Teil auch Lehrer mit eingebunden.

Staab: Aber dann ist es umso kurioser, wenn Eltern, deren Kinder diese Vorbereitungskurse machen wollen, als Steuerzahler den Lehrer bezahlen und gleichzeitig an die Volkshochschule Geld bezahlen müssen, damit ihr Kind eine Prüfungsvorbereitung machen kann. Wenn der Lehrer die Zeit hat, an der Volkshochschule diesen Kurs anzubieten, dann kann ich doch erwarten, dass er für sein Gehalt diesen Kurs an der Schule macht.

Sie verlangen institutionalisierten Förderunterricht während der Ferien?

Staab: Ja, und zwar von den Lehrern, die das machen wollen. Ich bin sicher, Eltern würden das sogar noch zusätzlich honorieren. Die Not und Verzweiflung der Eltern ist groß. Wir haben viele Kinder, die jetzt am ersten Schultag mit gewaltigen Lücken angekommen sind. Man hätte in den letzten zwei Wochen der Ferien Zeit gehabt, die Lücken zu schließen. Das machen viele Eltern mit Nachhilfeunterricht.

Gomolzig: Darüber kann man sicher nachdenken. Dann müsste man aber das Deputat im Lauf der Woche kürzen. Diese Ferienbetreuung, die ja auch Günther Oettinger schon angeregt hat, müsste durch eine Senkung der Arbeitszeit aufgefangen werden. Lehrer arbeiten jetzt schon am Anschlag. Die Ferien, so wie sie jetzt sind, kompensieren das. Wenn Sie jetzt die Lehrer noch in den Ferien bestellen, dann werden Sie unzufriedene Lehrer bekommen. Das funktioniert nur, wenn die Lehrer eine Entlastung sehen und keine zusätzliche Belastung.

Staab: Aber es kann eine Entlastung sein. Die vermeintliche Mehrbelastung wird ausgeglichen, wenn Lehrer nicht mehr ständig in den Pausen helfen müssen. Es geht darum, dass man Dinge, die sowieso anfallen, strukturiert zusammenfasst. Das wird den Start am Schuljahresanfang erleichtern. Kinder gehen weniger angstbelastet in die Schule. Für uns Eltern wären Förderkurse während der Ferien eine unglaubliche Entlastung.

Gomolzig: Das Land hat während des ganzen Schuljahres keine Lehrerstunden zur Verfügung, um Stütz- und Fördermaßnahmen anzubieten. Jetzt verlangen Sie von Lehrern, das in den Ferien zu bringen, weil es notwendig ist. Das würde die Wut in den Lehrerzimmern noch steigern.

Unter welchen Bedingungen würden es die Lehrer denn tun?

Gomolzig: Wenn es im Rahmen des Deputats stattfinden könnte, und wenn man sieht, dass der Staat auch sonst Interesse daran hat, die Schüler zu fördern. Es ist eben nicht wurst, ob 33 oder 20 Kinder im Unterricht sitzen. Aber die Politik mauert. Jeder weiß, man braucht zusätzliche Stützkurse und zwar während der Unterrichtszeit.

Staab: Ich bleibe aber dabei, auch Lehrer sollten Förderkurse anbieten können. Die Herbstferien wären der ideale Zeitpunkt, den Stoff des bisherigen Schuljahres nochmal nachzuarbeiten.

Gomolzig: Sie gehen immer von den Schülern aus, die freiwillig kommen. Ich sage Ihnen, die Schüler, die es wirklich nötig haben, erreichen Sie nicht.

Staab: Sie müssen bei den Kleinen anfangen. Wir brauchen ein System, in dem die Kinder von Anfang an sehen, dass es die Möglichkeit gibt, nachzuarbeiten. Dann nehmen sie die Angebote auch an. Es gibt auch noch eine ganz andere Sache. Man kann Ferien auch dazu nutzen, Prüfungen zu absolvieren. Die Abiturienten brauchen keine Pfingst- und keine Sommerferien. Es fällt massenhaft Unterricht aus, weil Abiturprüfungen sind oder korrigiert werden müssen. Ich könnte mir vorstellen, das mündliche Abitur in die Pfingstferien, die Klausurkorrektur in die Osterferien zu legen.

Gomolzig: Das wäre wieder enorme Mehrarbeit für die Lehrer.

Staab: Man muss aber grundsätzlich sagen, die Ferien, so wie sie jetzt sind, sind gut für Lehrer die Kinder haben, für alle anderen ist es ein wahnsinniger Organisationsaufwand. Es ist auch okay für Familien, in denen einer zu Hause ist. Aber das haben wir ja kaum noch, wir haben vielmehr einen sehr hohen Anteil an erwerbstätigen Frauen, der sicher in Zukunft noch weiter steigen wird.

Gomolzig: Ich warne davor, diese Feriendiskussion nur vom Erwachsenenstandpunkt aus zu führen. Ich weiß, ich habe mich als Kind über alle Ferien gefreut und ich konnte nie lange genug Ferien haben. Es gibt Kinder, die wenig Anregungen gekommen. Wir müssen die Ferien so gestalten, dass wir den Kindern etwas bieten. Wir dürfen auch die Eltern nicht aus der Pflicht lassen. Ich wehre mich auch dagegen, dass wir die Probleme, die Eltern mit der Betreuung haben, auf alle Kinder überstülpen. Es müssen nicht alle Kinder betreut werden. Wir müssen gezielt dort helfen, wo es notwendig ist, aber das sollten nicht alles die Lehrer übernehmen müssen.

ALLGÖWER
Artikel aus der Stuttgarter Zeitung - Stadtausgabe, Freitag,14. September 2007 Seite 8
Ausgabe: Nr.21



« ZURÜCK
 


08.01.2015 »
Kita-Qualität
Pressemitteilung 08.01.2015  -  Ministerium für Kultus, Jugend und SportSüdwesten an ...

» MEHR
05.12.2014 »
Schule braucht Gemeinschaft
Artikel aus der Stuttgarter Zeitung, Stadtausgabe (Nr. 281), vom Freitag, 05. Dezember ...

» MEHR