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Ein Amoktäter zögert nicht, er tötet
30.10.2008
 
Südwestdeutsche Ztg.

¸¸Ein Amoktäter zögert nicht, er tötet"

Neues Trainingskonzept der Polizei: 14500 Beamte im Land werden flächendeckend für den Extremfall ausgebildet


STUTTGART. Ein Amoklauf ist eine extreme Ausnahmesituation - auch für die Polizei. Darauf werden die Beamten im Land jetzt in speziellen Einsatztrainings vorbereitet. Das richtige Verhalten gegenüber Amoktätern kann über Leben und Tod entscheiden.


Von Sabine Nedele


Die Situation ist beklemmend: das Treppenhaus und der leere Flur eines Schulhauses mit vielen Türen, am Boden und auf der Treppe liegen Stoffpuppen, die die Opfer eines Amokläufers darstellen sollen. Aus dem Off laute, panische Schreie von Schülern und das Getrampel vieler Füße, dazu das durchdringende Geheul der Alarmanlage. Drei Beamte nähern sich in Formation mit gezogenen Schusswaffen, sichern sich gegenseitig, seitlich und Rücken an Rücken. Aus dem Flur taumelt dem Streifenbeamten ein offensichtlich angeschossenes Opfer entgegen und fällt zu Boden. Dann Schüsse, die Beamten bellen ¸¸Waffe runter, Polizei!", es fallen erneut Schüsse, der Täter liegt nach wenigen Minuten überwältigt am Boden.


In diesem Fall ist das Einsatztraining zwar optimal gelaufen, macht aber auch deutlich, welchem extremen Stress Polizeibeamte in einem solchen Fall ausgesetzt sind. Entscheidend ist, dass sie trotzdem schnell und besonnen zugleich handeln. Genau das wird zurzeit in den Polizeidienststellen des Landes trainiert, wie Landespolizeipräsident Erwin Hetger gestern bei der Bereitschaftspolizei in Göppingen erklärte. Laut Hetger wurden allein im vergangenen Jahr 412 Polizistinnen und Polizisten im Einsatz verletzt. Für ihn ein Zeichen dafür, dass das ¸¸professionelle Einsatztraining in einer gewaltbereiten Gesellschaft von immenser Bedeutung ist".


Seit November 2006 seien allein im Land 114 Amokdrohungen im Zusammenhang mit Schulen registriert worden. Tatsächliche Amoktaten habe es 2003 in Pforzheim und 2005 in Stuttgart gegeben, als Einzeltäter jeweils einen Menschen mit einem Samuraischwert töteten und jeweils drei weitere Menschen schwer verletzten. Trotz der schwierigen Personalsituation wolle man deshalb beim Einsatztraining keine Abstriche machen, erklärte Hetger. Das gelte ganz besonders für Amoksituationen.


Seit 2002 ein Schüler an einem Erfurter Gymnasium 16 Menschen und danach sich selbst tötete, hat Hetger zufolge eine grundsätzliche Neuausrichtung der Polizeiarbeit begonnen. Man verabschiedete sich vom Grundsatz, defensiv vorzugehen, eine stabile Situation herzustellen und am Tatort auf das Eintreffen weiterer Einsatzkräfte zu warten. ¸¸Das ist eine Taktik, die möglicherweise tödlich ist", sagte Hetger. Man sei dazu übergegangen, ¸¸offensiv, sofort und täterorientiert" zu handeln und den Täter möglichst schnell handlungsunfähig zu machen. ¸¸Amoktaten dauern oft nur Minuten", erklärte der Landespolizeipräsident. Deshalb müssten sich ¸¸die für das Überleben entscheidenden Verhaltensmuster wie auf einer Festplatte einprägen". ¸¸Ein Amoktäter zögert nicht, er tötet", bekräftigte Thomas Mürder, der Direktor der Göppinger Bereitschaftspolizei.


In der Praxis heißt das, dass meist Streifenbeamte in diese gefährliche Situation geraten können. Mit dem speziellen Einsatztraining soll das hohe Risiko kalkulierbarer werden. Seit 2007 und noch bis Ende 2009 werden alle 14 500 Polizeibeamten des Landes ausgebildet, 150 der insgesamt 700 Einsatztrainer der Polizei wurden für den Spezialfall Amoklauf ausgebildet und geben ihr Wissen nun an ihre Kolleginnen und Kollegen vor Ort weiter. Allein 24 der jährlich 40 Stunden Einsatztraining entfallen auf das Amokeinsatztraining.


Dabei werden die Beamten nicht nur theoretisch und psychologisch geschult, sie üben auch in interaktiven Schießtrainingsanlagen mit verschiedenen Filmen. Rund 30 Szenarien, die von Fall zu Fall variiert werden können, bereiten die Beamten auf die besondere Situation vor - beispielsweise darauf, herumliegenden Opfern nicht sofort helfen zu können. In einem weiteren Schritt wird mit Farbmarkierungswaffen mit Lippenstiftpatronen trainiert: Puppen als Opfer, der Einsatztrainer mimt den Täter. Damit können der Realität besonders nahe kommende Situationen in unterschiedlichen Kulissen nachgestellt und geübt werden. 310 000 Euro hat das Innenministerium ausgegeben, um alle Dienstellen mit Waffen und Schutzausstattungen zu versorgen. Reinhold Bolay, der in Biberach das Kompetenzzentrum für das Einsatztraining leitet, erklärt: ¸¸Wir können hier den gleichen Stress erzeugen wie in der Realität. Da merken auch gestandene Polizisten, wo nachgebessert werden muss."


Die Grünen im Landtag bewerten das neue Trainigskonzept zwar als ¸¸grundsätzlich positiv". Dennoch passe es nicht zusammen, dass einerseits immer neue Aufgaben an die Beamtinnen und Beamten herangetragen würden, andererseits durch die Sparmaßnahmen der vergangenen Jahre aber eklatanter Personalmangel herrsche, erklärte deren innenpolitischer Sprecher Uli Sckerl.
Artikel aus Stuttgarter Zeitung - Stadtausgabe, Donnerstag 30.Oktober2008, S.9, AusgabeNr. 254


NEDELE
© 2006 Stuttgarter Zeitung


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