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Eltern fühlen sich allein gelassen
07.03.2008
 

Eltern fühlen sich vom Staat allein gelassen
Studie:  Druck nimmt zu

BERLIN. Nicht nur Schüler stehen unter enormem Druck, sondern auch deren Eltern. Eine Studie hat die Situation von Vätern und Müttern untersucht. Der Alltag wird von ihnen als immer stressiger empfunden.

Von Roland Pichler

¸¸Über Eltern wird in den Medien oft nur gesprochen, wenn etwas schiefgegangen ist", sagt Christine Henry-Huthmacher von der Konrad- Adenauer-Stiftung. Häufig sind es Fälle von Kindesmisshandlung und Verwahrlosung, die zu Diskussionen über Eltern führen. Darüber, wie sich Väter und Mütter fühlen, ist in der Gesellschaft aber nur wenig bekannt. Die Adenauerstiftung brachte das auf die Idee, die Lage von Eltern untersuchen zu lassen. Was dabei herausgekommen ist, trugen die Forscher in einer lesenswerten Studie mit der Überschrift ¸¸Eltern unter Druck" zusammen.

Als die Autoren ihre Interviews führten, stellten sie mit Erstaunen fest, wie dankbar Mütter und Väter waren, dass sich jemand für ihr Leben interessiert. ¸¸Eltern haben in Deutschland kein Ventil, das ihnen erlaubt, ihre Anliegen zu thematisieren", meinen die Verfasser. Auffällig ist, wie stark sich die Angesprochenen unter Druck gesetzt fühlen. Als Belastung wird vor allem die Erwartung empfunden, für eine gute Bildung der Kinder sorgen zu müssen. Die meisten Eltern hätten nur noch wenig Vertrauen in das öffentliche Bildungssystem, lautet der Befund. Die Eltern in den gehobenen Milieus versuchten deshalb, die Förderung der Kinder möglichst frühzeitig selbst in die Hand zu nehmen. Das bringt nicht nur für den Nachwuchs, sondern auch für Erwachsene immer größere Anforderungen mit sich. Die Eltern verbringen zunehmend mehr Zeit mit Schularbeiten und Lernen. Damit Schüler mitkommen, helfen fast 40 Prozent der Eltern - in der Regel sind es die Mütter - regelmäßig bei den täglichen Hausaufgaben. Die gezielte Vorbereitung auf Klassenarbeiten ist hierbei noch nicht berück- sichtigt. Aus Müttern wird eine Art Hilfslehrerin. Darunter leidet oft das ganze Familienleben. Aus der Eltern-Kind-Beziehung werde zunehmend eine Schulbeziehung, heißt es in der Studie. Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Gleichzeitig steigt auch der Anteil der Kinder, die von ihren Eltern kaum gefördert werden. Das seien immerhin ein Fünftel der Kinder.

Der Zugang zu Bildung trennt die Gesellschaft. Deutschland sei auf dem Weg in eine Klassenge- sellschaft, meinen die Autoren. Der Zugang zu Bildung teile die Gesellschaft. Zu beobachten sei, dass sich dabei gerade Eltern der bürgerlichen Schichten immer stärker nach unten abgrenzten. Um ihren Kindern ein gutes Fortkommen zu ermög- lichen, zögen sie in bessere Stadtteile und schickten ihre Töchter und Söhne auf private und konfessio- nelle Schulen. ¸¸Kinder der bürgerlichen Mitte haben heute kaum mehr Kontakt zu Kindern unterer Schichten." Die Zeiten, in denen sich alle beim Fußball im Hof trafen, scheinen vorüber zu sein.

Die Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) kommentierte die Ergebnisse mit der Bemerkung, es sei in der Familienpolitik vieles im Umbruch. Es gebe aber auch noch viel zu tun. Bei ihren Gesprächen fanden die Forscher heraus, dass sich viele Eltern von der Politik allein gelassen fühlen. Sie beklagen sich darüber, dass ihre Bedürfnisse nur auf finanzielle Zuwendungen oder mehr Krippenplätze reduziert würden. Eltern forderten aber in erster Linie eine stärkere Wertschätzung ihrer Arbeit.

Stuttg.Zeitung,Stadtausgabe, 28.Februar 2008, S.6 Ausgabe Nr. 150


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