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Gewalt ist für viele Kinder völlig normal
11.04.2008
 
Südwestdeutsche Ztg.

¸¸Gewalt ist für viele Kinder völlig normal"
Workshops sollen abhelfen

TÜBINGEN. Ein Schulprojekt in Tübingen will Kinder für das Problem häuslicher Gewalt sensibilisieren. Wenn es zwischen den Eltern zum Konflikt kommt, wenden sich Kinder meist zuerst an Gleichaltrige.

Von Ulrich von Schwerin

¸¸Häusliche Gewalt in der Ehe verletzt nicht nur Frauen-, sondern auch Kinderrechte. Wir wollen, dass auch Kinder als Opfer wahrgenommen werden, wenn es zwischen Erwachsenen Gewalt gibt", erklärt Hansjörg Böhringer das Ziel des Präventionsprojekts Daphne, das seit vergangenem Jahr an Tübinger Schulen angeboten wird. Als Landesgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands hat Böhringer die zweitägigen Workshops mitorganisiert, in denen Kinder und Jugendliche der sechsten bis neunten Klasse für das Problem der Gewalt in Partnerbeziehungen sensibilisiert werden sollen. ¸¸Wenn Kinder in einem von Gewalt geprägten Klima aufwachsen, hat das Folgen für ihre gesunde Entwicklung", sagt Böhringer. ¸¸Wer als Kind Gewalt erfährt, wird diese in der nächsten Generation an die eigenen Kinder weitergeben."

Die Erfahrung zeigt, dass Gleichaltrige die ersten Ansprechpartner sind, um über Gewalterfahrung in der Familie zu sprechen, wohingegen die Schule nur eine nachgeordnete Rolle spielt. Das Ziel des Projekts ist es daher, die Freunde als Hilfe zu mobilisieren. Mit Rollenspielen werden Gesprächssituationen eingeübt, um nicht hilflos dazustehen, wenn der beste Freund oder die beste Freundin erzählt, dass der Vater die Mutter schlägt. Dabei reagieren Mädchen und Jungs oft unterschiedlich auf familiäre Gewalt. ¸¸Jungs fragen sich oft zuerst, welchen Imageschaden es für die Familie hat, wenn so etwas nach außen dringt", sagt Corinna Seith von der Universität Zürich.

Den Initiatoren des Projekts ist es wichtig, das Thema ins Bewusstsein zu rücken. ¸¸Gewaltprävention in der Schule hat sich bisher meist mit Gewalt zwischen Kindern befasst, nicht aber mit häuslicher Gewalt", sagt Armin Krohe-Amann, der als Geschäftsführer des Vereins Pfunzkerle Tübingen an dem Projekt beteiligt ist. Vielleicht gerade deshalb hat das Angebot überraschend hohes Interesse gefunden, sagt die Mitorganisatorin Petra Sartingen vom Tübinger Verein Tima. Seit März 2007 sind 14 Workshops durchgeführt worden, bis Ende des Schuljahrs sind weitere sieben geplant. Bei den Workshops hat die Betreuer erschreckt, wie normal Gewalt für viele Kinder ist. Tatsächlich ist häusliche Gewalt weit verbreitet. Im Jahr 2006 hat es in Baden-Württemberg 7714 Polizeieinsätze mit 2660 Platzverweisen gegeben. Die Dunkelziffer gilt aber als hoch.

Artikel aus der Stuttgarter Zeitung-Stadtausgabe, Freitag 11.April 2008, Seite 8, Ausgabe-Nr. 85

SCHWERIN
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