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Die neue Lust aufs Kind
29.02.2008
 
Die neue Lust aufs Kind

Die Geburtenrate steigt


In Deutschland werden wieder mehr Kinder geboren. Die Geburtenrate sei 2007 überraschend stark gestiegen, auf 1,4 Kinder pro Frau, heißt es im Familienministerium. Für Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) ist das eine Erfolgsmeldung.

Von Thomas Maron

Zwar gibt es noch keine offiziellen Daten des Statistischen Bundesamtes - diese werden erst im April erwartet. Aber Ministerin Ursula von der Leyen jubelt schon jetzt: ¸¸Auch ohne amtliche Zahl gehe ich bereits heute jede Wette ein, dass die Geburten- rate im Jahr 2007 wieder deutlich über 1,4 Kinder pro Frau gestiegen ist". Von der Leyen ist auf solche Erfolgsmeldungen angewiesen. Die Nachricht vom Mini-Baby-Boom verknüpft sie mit einem Aufruf an die große Koalition, am Ball zu bleiben: ¸¸Das ist ein überwältigender Vertrauens- vorschuss der jungen Leute, die darauf bauen, dass Deutschland wieder ein kinderfreundliches Land wird". Zuletzt war die Geburtenrate im vereinten Deutschland mit rund 1,45 Kindern pro Frau im Jahr 1990 ähnlich hoch. Seitdem war diese Zahl auf zuletzt 1,33 im Jahr 2006 gesunken.

Dass von der Leyen aus dieser Entwicklung Honig saugen will, verwundert nicht. Aber auch Experten erkennen in diesem ersten Ausschlag nach oben bereits eine Folge eines Kurswechsels in der Familienpolitik. Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, bestätigt, dass eine Trendumkehr möglich ist. Im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung sagte er: ¸¸Das hat eindeutig mit der Familienpolitik zu tun". Als weiteren Beleg gibt er an, dass seit der Einführung des einkommensabhängigen Eltern- geldes die Zahl der Väter gestiegen ist, die Erziehungsurlaub nehmen. Bei jungen Frauen sei zudem der Kinderwunsch mittlerweile deutlicher ausgeprägt.

Der Experte geht freilich nicht davon aus, dass allein die Familienpolitik ausschlaggebend ist. Auch die günstige Konjunktur sorge dafür, dass die Angst vor der Verantwortung abnehme. Aber dass sich die große Koalition endlich an jenen Ländern orientiere, die mehr für Kinder tun, leiste zumindest einen Beitrag zum Anwachsen der Geburtenrate. Allein die Tatsache, ¸¸dass wir über Kinder reden", gebe Frauen das Gefühl, dass Kinderkriegen keine ausgrenzende Entscheidung ist, sondern ¸¸eine gesellschaftliche Normalität". Der Effekt der zuletzt genannten Entwicklung sei keineswegs zu unterschätzen. 1960, in Zeiten des Wirtschaftswun- ders, hätten deutlich weniger Frauen doppelt so viele Kinder bekommen. Wer damals Mutter oder Vater wurde, habe in der eigenen Umgebung allgemeine Anerkennung verspürt, allein schon deshalb, weil es eine Selbstverständlichkeit war, Kinder zu bekommen. Das sei zuletzt nicht mehr so gewesen.

Die große Koalition, so Klingholz, sei deshalb zumindest für die Familienpolitik ein Glücksfall, weil die CDU-Ministerin Ursula von der Leyen den konservativen Flügel der Union bisher im Zaum halten könne und die SPD ohnehin seit der Amtszeit von Renate Schmidt in diese Richtung strebe. Mit einer CSU in der Opposition wäre laut Klingholz ein solcher Kurswechsel in der deutschen Familien- politik wohl kaum durchsetzbar gewesen, weil die Konservativen dann viel massiver versucht hätten, die kritischen, traditionellen Wählergruppen zu mobilisieren.

Dass die Zahlen jetzt zu vorsichtigem Optimismus berechtigten, sei insofern ausgesprochen wichtig, weil andernfalls von der Leyen in den eigenen Reihen den Rückhalt verlöre. Das aber wäre katastrophal, sagte Klingholz, weil noch große Herausforderungen zu bewältigen seien, wenn aus dem einmaligen Anstieg eine dauerhafte Entwick- lung werden soll. So müssten jetzt dringend die in Aussicht gestellten qualitativ hochwertigen Betreu- ungsplätze geschaffen und bundesweit Ganztags- schulen eingerichtet werden. ¸¸Wenn das nicht kommt, war alles für die Katz", sagte Klingholz. ¸¸Die Eltern warten jetzt auf mehr Verlässlichkeit in der Familienpolitik". Klingholz verwies auf das Beispiel Frankreich. Dort brächten auch deshalb vergleichsweise viele Frauen Kinder auf die Welt, weil Sozialisten und Gaullisten in dieser Frage immer an einem Strang zogen und den Frauen die Entscheidung zwischen Beruf und Kind damit ersparten.
Stgt.Zeitung,Stadtausgabe, 29.02.08, Seite 5, Ausgabe Nr. 51


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