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Eine Volkskrankheit entsteht
25.03.2008
 
Südwestdeutsche Ztg.


Das Risiko, im Laufe seines Lebens eine seelische Störung zu erleiden, liegt bei 50 Prozent

Es kann jeden treffen - und es trifft tatsächlich immer mehr Menschen. Psychische Leiden werden zu Volkskrankheiten. Ihre gesellschaftliche Wahrnehmung hinkt der Entwicklung hinterher.

Von Thomas Breining

Man könnte es sich vorstellen wie bei Erkältungen: Das menschliche Immunsystem knickt vor Attacken der Erreger umso eher ein, je härter die Angriffe und je schwächer die Widerstandskräfte sind. Offenbar sind auch die Herausforderungen für die Abwehrmechanismen der menschlichen Seele gewachsen: durch Stress in Beruf oder Beziehung; durch Traumatisierung durch Gewalt oder ein Unglück, um nur einige Beispiele zu nennen. Das innere Gleichgewicht wird ganz offensichtlich immer öfter gestört: Im Jahr 2006 mussten in Baden- Württemberg knapp 82 000 Menschen in einem Krankenhaus psychiatrisch behandelt werden, 1990 waren es erst 48 000. Das entspricht einem Zuwachs um 71 Prozent. Demgegenüber ist die Zahl der in allen Kliniken im Land behandelten Menschen im gleichen Zeitraum ¸¸nur" um knapp 20 Prozent angestiegen.

Wie das Wissenschaftliche Institut der AOK eben publiziert hat, ist der Anstieg der krankheitsbe- dingten Ausfalltage der zehn Millionen AOK- Versicherten in Deutschland 2007 auch auf psychische Erkrankungen zurückzuführen. 8,1 Prozent der Ausfalltage entstanden deswegen. ¸¸Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen haben in den letzten Jahren stark zugenommen", schreiben die Wissenschaftler der Kasse. ¸¸Seit 1997 stieg die Zahl der dadurch bedingten Ausfalltage um 62,3 Prozent." Dabei dominieren Depressionen und neurotische Erkrankungen, etwa Angsterkrankungen, Zwangsstörungen, Reaktionen auf schwere Belastungen und psychosomatische Erkrankungen.

Aus Auswertungen der Gesundheitsreports von Krankenkassen, der Berichte der Sozialpsychia- trischen Dienste und der Statistik ergeben sich Regelmäßigkeiten, die das Diakonische Werk zusammengefasst hat:

> Frauen sind gefährdeter als Männer

> Arbeitslose haben ein erhöhtes Risiko

> bei 15- bis 19-jährigen Menschen ist eine psychische Erkrankung der dritthäufigste Anlass für eine stationäre Behandlung

> im Laufe eines Jahres erleiden etwa 27 Prozent der Bevölkerung eine psychische Störung, zum Beispiel Depression, Panikstörung, Schizophrenie oder Suchterkrankung

> das Lebenszeitrisiko, eine psychische Störung zu erleiden, liegt bei über 50 Prozent

> etwa 30 Prozent der jährlichen Verrentungen wegen Erwerbsminderung sind auf psychische Erkrankungen zurückzuführen.

Der Landesverband Baden-Württemberg der Psychiatrie-Erfahrenen macht sich dafür stark, dass junge Menschen möglichst ambulant psychothera- peutisch behandelt werden. Dem stehe aber eine mangelhafte Versorgung mit niedergelassenen Psychiatern, Psychologen und Psychotherapeuten entgegen. Außerdem stünden die als ambulante Ergänzung gedachten Sozialpsychiatrischen Dienste ¸¸mit dem Rücken zur Wand", nachdem ihnen Fördermittel gestrichen worden waren. Kritisch sehen die Betroffenen auch den Vormarsch der medikamentösen Behandlung. ¸¸Psychopharmaka unterdrücken die Symptome, sie heilen nicht", sagt einer der Betroffenen. Werde dies falsch vermittelt, ¸¸ruht sich manch einer darauf aus, dass er ohnehin nichts gegen die Erkrankung tun kann. Und das ist nicht richtig."

Artikel aus der Stuttgarter Zeitung-Stadtausgabe, 25.03.08, S.8, Nr. 70


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