NEWS

Die Babyklappe - Mehr als nur eine Notlösung?
13.10.2009
 
Die Babyklappe - mehr als nur eine Notlösung?

Notsituation Im Land entstehen immer mehr Abgabestellen für Neugeborene. Experten aber bleiben skeptisch. Von Wolfgang Messner


Es ist früh am Morgen, Anfang März. In einer Grillhütte in Andelfingen, einem Ortsteil von Engen (Kreis Konstanz), machen Helfer bei Aufräumarbeiten einen grausigen Fund. In einer Plastiktüte liegt die Leiche eines neugeborenen Mädchens. Die Obduktion ergibt, dass das Kind wohl noch gelebt hat, als es abgelegt wurde, und erst später an Unterkühlung gestorben ist.


Der Leichenfund von Engen rüttelt die Öffentlichkeit auf. In Singen (Kreis Konstanz) schwört sich die private Initiative „Widmann hilft Kindern", dass sich so etwas nie mehr wiederholen soll. Eine Babyklappe soll Abhilfe schaffen. Hier können Eltern ihr Neugeborenes anonym zur Adoption freigeben. An Ostern kommenden Jahres soll es in Singen losgehen.


Auch in Villingen-Schwenningen hat der Fund in der Grillhütte seine Wirkung nicht verfehlt. Die Initiative Pro Kids VS setzt sich ebenfalls für eine Abgabestation für Neugeborene ein. Der private Verein finanziert ansonsten Schulmahlzeiten für bedürftige Kinder aus sozial schwachen Familien. 32 000 Euro hat der Verein gesammelt. Das Geld für die Babyklappe soll unter anderem durch ein Benefizkonzert im November kommen, das gemeinsam mit dem Rotary Club organisiert wird.


In Baden-Württemberg gibt es zurzeit fünf Babyklappen - in Karlsruhe, Mannheim, Stuttgart, Pforzheim und Lörrach. Vergleichsweise ist das wenig. Deutschlandweit sollen es schon 120 sein. Singen und Villingen-Schwenningen wären Nummer sechs und sieben im Land. In Rottweil setzt sich die CDU-Frauenunion für eine weitere derartige Einrichtung ein.


Für Experten aber ist die anonyme Abgabestation von unerwünschten Kindern bestenfalls eine Notlösung. „Es wäre gut, wenn wir erst gar keine Babyklappen bräuchten", sagt Andreas Trotter, Leiter der Kinderabteilung am Hegau-Bodensee-Klinikum in Singen. Ähnlich sieht es Klaus Rodens, Landesvorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, der dafür plädiert, nur in solchen Städten im Land eine Babyklappe einzurichten, wo bereits eine Kinderklinik vorhanden ist. Auch die baden-württembergische Sozialministerin Monika Stolz (CDU) bleibt auf skeptischer Distanz. Babyklappen seien nur dort sinnvoll, wo es darum gehe, „das Schlimmste zu verhindern", sagt Stolz. Dauerhaft könnten solche Stationen keine Lösung sein, so die Ministerin, die selbst auch Medizinerin ist.


Der Soziologe Professor Johann Gleich von der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Köln, der sich mit Kinderarmut und sozial benachteiligten Familien beschäftigt, erkennt in der immer größer werdenden Zahl von Babyklappen ein bedenkliches gesellschaftliches Signal. Die Idee sei gewiss „gut gemeint", andererseits aber jedoch ein Beleg, wie weit „wir uns alle schon von den grundlegendsten Formen der Solidarität und der Sorge um Mitmenschen, die unserer Unterstützung bedürfen, entfernt haben", erläutert Gleich.


Besser wäre es seiner Ansicht nach, für ein größeres Hilfs-, Beratungs- und Betreuungsangebot von Frauen in Not zu sorgen. In Radolfzell (Kreis Konstanz) wird an diesem Mittwoch ein solches Hilfesystem für Eltern und Kinder ins Leben gerufen. Im Babyforum, einem Netzwerk aus Kliniken, Hebammen, und Beratungsstellen wie Pro Familia, sollen Belastungen und Risiken bei Schwangeren, Eltern und Kleinkindern durch besser Zusammenwirken frühzeitig erkannt werden, damit es erst gar nicht zu dramatischen Ereignissen kommt.
Artikel aus der Stuttgarter Zeitung, Stadtausgabe Nr. 236, Seite 6, Dienstag 13.Oktober 2009


« ZURÜCK
 


08.01.2015 »
Kita-Qualität
Pressemitteilung 08.01.2015  -  Ministerium für Kultus, Jugend und SportSüdwesten an ...

» MEHR
05.12.2014 »
Schule braucht Gemeinschaft
Artikel aus der Stuttgarter Zeitung, Stadtausgabe (Nr. 281), vom Freitag, 05. Dezember ...

» MEHR