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Mehr junge Menschen sind gewaltbereit
05.03.2009
 
Mehr junge Menschen sind gewaltbereit

Bei Körperverletzung ist häufig Alkohol im Spiel

Die gute Nachricht ist mit einer schlechten gespickt: Die Jugendkriminalität ist insgesamt im vergangenen Jahr leicht gesunken. Gut 6000 der etwa 25 000 Tatverdächtigen waren unter 21 Jahren alt, im Jahr 2007 hatte die Polizei noch 6900 Jugendliche und Heranwachsende registriert. Eine Entwarnung ist dies aber noch lange nicht. Denn: bei den Gewaltdelikten und der sogenannten Straßenkriminalität ist der Anteil der jungen Menschen um zwei Prozent gestiegen.

Etwa 38 Prozent aller Tatverdächtigen bei Gewaltkriminalität waren im vergangenen Jahr unter 21 Jahre alt. Bisher lag der höchste Wert bei 37 Prozent im Jahr 2000, im Jahr 2007 waren 36,2 Prozent der Gewalttäter junge Leute. Auch die unter 18-Jährigen sind stärker vertreten. Polizeisprecher Stefan Keilbach erklärt, Stuttgart sei kein Einzelfall: „Der Trend ist landes- und bundesweit der gleiche." Steigend sei bei den unter 21-Jährigen auch der Anteil der Straftaten, die unter Alkoholeinfluss begangen werden.

Die meisten Gewalttaten werden von der Polizei als einfache oder gefährliche Körperverletzung bewertet. „Die Jugendlichen sind immer früher bereit, die Fäuste zu benutzen, zu treten oder ein Messer zu zücken," erklärt Keilbach. „Ohne Messer in der Tasche gehe ich nicht in die Stadt" - diesen Spruch hörten die Beamten oft bei Kontrollen. Dabei sei Stuttgart überhaupt nicht unsicher: „Das Messer glauben sie zu brauchen, wenn sie auf bestimmte bekannte Gruppierungen treffen."

Zwar spricht die Polizei bewusst nicht von „Gangs", sondern von Gruppierungen, dennoch ist der Trend seit Jahren da: Jugendliche schließen sich in bunt gemischten Gruppen zusammen, zum Teil nach Stadtteilen. Nicht immer spielt die Nationalität eine Rolle. „Viele sind bunt zusammengewürfelt", erklärt der Polizeisprecher. Oft aber sei es so, dass Kinder von Migranten erst in der dritten oder vierten Generation hier ankommen.

Das Gewaltproblem sei häufig verbunden mit sozialen oder familiären Schwierigkeiten. „Es gibt aber auch Gymnasiasten, die zuschlagen", sagt Keilbach. Die Polizei habe natürlich die Entwicklung im Auge, könne aber Gewaltdelikte nicht verhindern: „Da braucht es andere Partner." Hier seien die Stadtverwaltung, die Streetworker und die Schulen gefragt, wobei diese Institutionen bereits tätig sind. Vergessen dürfe man auch nicht, dass ein ganz großer Teil der Jugendlichen und Heranwachsenden überhaupt nicht auffällig sind, betont der Polizeisprecher.

Im vergangenen Jahr stieg jedoch auch die Gewalt gegen Polizeibeamte: Mitte September wurde ein Jugendlicher vor einer Disco an der Stephanstraße immer aggressiver und ging auf Polizeibeamte los, ein Polizist wurde dabei verletzt. Beim Tatverdächtigen handelte es sich um einen 17-Jährigen mit 2,76 Promille Alkoholgehalt im Blut. Im Frühjahr gab es in der Klett-Passage öfter Einsätze gegen Punks, bei denen Beamte angegriffen wurden - sie erlitten Wunden im Gesicht, ein Handgelenk ging zu Bruch.

Ein besonders schockierendes Beispiel für Gewalt aus nichtigem Anlass war im November der Angriff eines 18-Jährigen in der Stadtbahn, nachdem ein Fahrgast ihn gebeten hatte, er solle sein Handy leiser stellen. Mit einem Schlagring verletzte der Heranwachsende sein Opfer schwer. Auch hier hatte der Täter mindestens 1,9 Promille im Blut. Kein Einzelfall, denn von den 6900 kriminellen Jugendlichen und Heranwachsenden im Jahr 2007 waren 1200 betrunken, als sie straffällig wurden. Und es ist natürlich davon auszugehen, dass die enthemmende Wirkung des Alkohols die Bereitschaft, Gesetze zu übertreten, erhöht hat.

© 2009 Stuttgarter Zeitung

Wenn Jugendliche zuschlagen

Der Trend zieht sich durchs ganze Land: Fast überall gehen die Zahlen in den Kriminalstatistiken zurück, bei Gewaltdelikten von Jugendlichen zeigt die Kurve dagegen seit Jahren stetig nach oben. Gleichzeitig werden die jungen Täter immer brutaler. Springmesser und Schlagring gehören vielfach zur Standardausrüstung, die immer schneller und hemmungsloser eingesetzt wird.

Wer Opfer wird, bestimmt der Zufall - oft sind es Gleichaltrige. Tatort ist meist der öffentliche Raum, die Straße, die statistisch gesehen zwar nicht gefährlicher geworden ist, immer mehr aber zu einer gefühlten Bedrohung wird. Umfragen zufolge trauen sich vor allem ältere Bürger am Abend nicht mehr aus dem Haus, weil sie fürchten, Opfer einer Gewalttat zu werden. Kommt es zu solch einem folgenschweren Zwischenfall, wie etwa jenem in der Münchner U-Bahn, wird regelmäßig nach drastischen Sanktionen gerufen. So hatten etwa Unionspolitiker gefordert, das Strafrecht für jugendliche Gewalttäter zu verschärfen und sie in Erziehungscamps zu schicken.

Experten, wie der Kriminologe Christian Pfeiffer, halten das für das falsche Signal. Sie raten zu schnelleren Strafen statt zu drakonischen Maßnahmen, zu Erziehung statt Gefängnis, zu Therapien und Begegnungen mit den Opfern. Das fehlende Unrechtsbewusstsein könne so wachgerufen werden, glauben auch Psychologen, die das Schlagen mit tiefsitzenden Frustrationen erklären. Die Gewalt werde um ihrer selbst willen verübt, als Unterhaltung und zum Zeitvertreib. Auch in Stuttgart gibt es schlimme Beispiele. Jüngst ist hier ein Mann in der Stadtbahn von einem 18-Jährigen mit einem Schlagring malträtiert worden, weil er den Jugendlichen aufgefordert hatte, die Musik leiser zu stellen.

Zu spüren bekommt diese Auswüchse vor allem die Polizei; sie allein kann das Gewaltproblem aber nicht lösen. Gefordert sind dabei auch Schulen, Sozialeinrichtungen, die Stadtverwaltung, Jugendhäuser und andere Institutionen. Das haben die Verantwortlichen in Stuttgart schon vor geraumer Zeit erkannt. In kaum einer anderen Stadt gibt es so viele Präventionsprojekte und Einrichtungen, vom Bündnis für Erziehung bis zum bundesweit beachteten Haus des Jugendrechts. Dass nicht nur die Stuttgarter Polizei gleichzeitig massiv Stellen abbauen muss, ist angesichts der Diskussionen und Forderungen, etwa die Kontrollen zu intensivieren, nur schwer nachvollziehbar. Aus diesem Grund ist es umso wichtiger, dass in Stuttgart, das im Vergleich zu anderen Großstädten auf einem guten Weg ist, auch weiterhin Prävention mit vereinten Kräften betrieben wird. Klar aber ist: traurige Einzelfälle werden sich kaum verhindern lassen.

© 2009 Stuttgarter Zeitung



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