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Wo Jungs im Nachteil sind
03.04.2009
 
Wo Jungs im Nachteil sind
Landespsychiatrietag diskutiert weibliches Biotop Schule
War der Amoklauf eines 17-Jährigen in Winnenden der extreme Auswuchs des Umstandes, dass Schulen zu weiblichen Biotopen geworden sind, in denen sich Jungs nicht verstanden fühlen? Das ist nur einer von vielen Denkanstößen vom Landespsychiatrietag in Stuttgart. Von T. Breining
Armut macht krank. Das ahnt man. Obdachlose haben keine hohe Lebenserwartung. Arbeitslose können sich keine Kieferorthopäden leisten. Auch Alleinerziehende oder kinderreiche Familien sind benachteiligt. Und Kinder. An ihnen könne man sehen, dass die Kausalfolge auch umgekehrt gilt: Krankheit macht arm. Das setzte Gerhard Trabert, Sozialarbeiter, Allgemein- und Notfallmediziner und Professor für Sozialwesen an der Fachhochschule Wiesbaden, 800 Zuhörern beim Landespsychiatrietag auseinander.
Eine Studie zeige, dass bereits jedes fünfte Kind psychische Auffälligkeiten vorweise. Vor allem jüngere Buben seien gefährdet, viel stärker als Mädchen. Trabert glaubt, dass sie in der Schule nicht richtig aufgefangen werden. Im Gegenteil. „Schule ist ein weibliches Biotop", so Trabert. Mädchen kommunizieren anders als Jungen. Sie werden von Lehrerinnen besser verstanden. „Jungs kommen mit dem System Schule nicht so gut klar", so Trabert. 75 Prozent der Hauptschüler sind männlich. Fast ausschließlich Jungs werden von der Schule ausgeschlossen. Zwei Drittel der Klienten im schulpsychologischen Dienst seien männlich. 63 Prozent der Gymnasiasten hingegen sind weiblich.
Statt nach dem Amoklauf eines 17-jährigen Jungen in Winnenden allein über die Rolle von Gewaltspielen zu sinnieren, solle man auch über diesen Zusammenhang nachdenken, mahnte Trabert. „Wenn ein Junge in dem Alter so was tut, haben wir alle versagt: Familie, Bezugsgruppen, aber auch die Schule". Auch für die Schule sollte gelten: „Man muss die Schätze in den Menschen suchen und sie nicht so stark mit ihren Fehlern konfrontieren."
Das gilt auch für den Umgang mit psychisch Kranken, jedenfalls wenn er in Würde erfolgen soll. Eine psychische Erkrankung „ist nicht menschenfremd", so Professor Thomas Brock vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Menschen müssten im Unterschied zu Tieren „um ihr Selbstverständnis ringen". Bei dünnhäutigen Menschen könne sich in einer Lebenskrise die natürliche Überlebensangst zu einer Angstkrankheit verselbstständigen, aus Halt gebenden Ritualen Zwangshandlungen werden. In einer Psychose gingen die eigenen Grenzen verloren. Wo psychische Erkrankungen auf diese Weise wahrgenommen werden, ist für die Stigmatisierung der Betroffenen kein Platz. Die Frage nach der Lebensqualität von psychisch Kranken gewinne neue Bedeutung. Denn Eltern, Geschwister, Partner, Kinder oder Freunde von Kranken müssten in deren Behandlung eingebunden werden. Sie sind es aber nicht, sondern würden nach immer kürzer werdenden Behandlungen alleingelassen. Hier müsse viel umgedacht werden.
Der Landespsychiatrietag will dazu beitragen. Er geht auf die Initiative eines Angehörigen zurück. Neben dem Angehörigenverband haben sich Psychiatrieerfahrene selbst, der Landesverband Gemeindepsychiatrie, die Liga der freien Wohlfahrtspflege, Nervenärzte, der Verein Baden-Württembergischer Krankenhauspsychiater und der Landesverband der Gesellschaft für Soziale Psychiatrie zusammengetan und den Tag gemeinsam ausgerichtet. Neben einer Auszeichnung von psychisch kranken Künstlern gab es Gedankenaustausch in Foren, etwa über neue Behandlungsformen, den Zusammenhang von Sucht und psychischer Gesundheit oder neue Wege zu Arbeit und Beschäftigung.

© 2009 Stuttgarter Zeitung


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