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Ein Leben in Scham ist nicht kindgerecht
05.07.2009
 
Ein Leben in Scham ist nicht kindgerecht"

Armut Auch im Südwesten leben Kinder im Elend. Mancherorts sind es viele, im Durchschnitt aber weniger als jenseits der Landesgrenzen - das weiß man. Doch wie die Betroffenen leben, kümmert wenige. Die Caritas fordert mehr Aufmerksamkeit für sie.

Zahlen gibt es. Die Familienwissenschaftliche Forschungsstelle beim Statistischen Landesamt hat die „Ökonomische Lage von Familien" untersucht. Ein Ergebnis: kinderreiche Familien und alleinerziehende Frauen sind stärker von Armut bedroht als andere. Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat im Mai einen Armutsatlas aufgelegt, um „die Armut sichtbar zu machen". Ein Ergebnis: die Armutsquote im Land liegt bei zehn Prozent, dem niedrigsten Wert aller Bundesländer. „Armutsgefährdung stellt in Baden-Württemberg glücklicherweise kein Massenphänomen dar", erklärte die Sozialministerin Monika Stolz (CDU) daraufhin. Dennoch sei die Frage der Armutsgefährdung „eine ständige Herausforderung für die Politik".

Aber keine so große, als dass das Land selbst einen Armutsbericht auf den Weg bringen würde, wie es der Bund und andere Bundesländer tun. Die Sozialministerin verweist auf die Familienforscher beim Statistischen Landesamt. Wenn die Wohlfahrtsverbände eine solche Berichterstattung für so wichtig erachteten, dann sollten sie ihn doch selber machen.

So habe das Sozialministerium reagiert, sagte der Direktor des Caritasverbandes der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Monsignore Wolfgang Tripp, als er mit Irme Stetter-Karp von der Diözese und dem Sprecher des Diözesanrates, Johannes Warmbrunn, diesen Bericht vorstellte. Mit dem Caritasverband der Diözese Freiburg wurde das Institut für angewandte Sozialwissenschaften an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Stuttgart beauftragt „Die Menschen hinter den Zahlen" zu untersuchen - so der Titel der Studie.

Sie geht über das bis jetzt erhältliche statistische Material hinaus. Zwar enthält auch diese Studie einen Zahlenteil, in dem zum Beispiel vorgerechnet wird, dass etwa jedes achte Kind unter sieben Jahren in sogenannten SGB II-Bedarfsgemeinschaften von Sozialgeld lebt - also von Hartz IV. In den Städten sind es besonders viele; in Mannheim zum Beispiel, aber auch in Pforzheim, Freiburg oder Heilbronn.

Die Sozialarbeitswissenschaftler halten den Begriff der relativen Armut aber für wenig brauchbar, „weil er den Mangel armer Kinder an Teilhabe- und Entwicklungschancen unterschätzt und verharmlost". Deshalb definieren sie Kinderarmut weitergehend als Mangel an solchen Chancen. Sie betrachten Entwicklung dabei unter fünf Aspekten. Einer zielt auf Körper und Gesundheit. „Armut macht krank", formulieren „die von der Dramatik der Situation in den Familien erschütterten Wissenschaftler." Armut mache perspektivlos, weil der Zugang zu Bildung und Wissen erschwert ist. Sie grenze aus, weil sich das Leben meist im sozialen Brennpunkt zuträgt, wo man sich nur an anderen Armen orientiert. Armut engt ein, weil sie kaum Anregungen ermöglicht und keinen Platz zum Regenerieren zulasse. Armut entwerte, weil ein Leben in Scham inmitten einer reichen Gesellschaft die Unbeschwertheit des Kindes beeinträchtige.

Um diese Faktoren auszuloten haben die Autoren der Studie mit Betroffenen gesprochen, mit Müttern betroffener Kinder und den Kindern selbst. Weiter haben sie Informationen von 900 Caritas-Mitarbeitern ausgewertet, die regelmäßig Kontakt zu Hartz IV oder ein ähnlich niedriges Haushaltseinkommen empfangenden Familien haben. Sie wollten erfahren, wie es ist, wenn das abstrakte Risiko sich in tatsächlicher Armut manifestiert.

Nicht zwangsläufig führe der finanzielle Engpass dazu, dass Kinder in ihrer Entwicklung einen fundamentalen Mangel erleiden, schreiben die Forscher. Allerdings „gleichen in den allerwenigsten Familien die Erwachsenen die Defizite aus". So wirken sich die „permanenten finanziellen Mangelsituationen" negativ auf die Lebenswelt der Kinder aus. Mitunter tritt „extreme Kinderarmut" auf, wenn zusätzliche soziale oder wirtschaftliche Probleme wie Überschuldung, Langzeitarbeitslosigkeit, Drogenabhängigkeit oder Obdachlosigkeit die Situation der Familien verschärfen.

Die Initiatoren der Studie fordern als Konsequenz von der Politik, den „Lernort Familie zu stärken". Der Besuch von Kindertagesstätten sollte zunächst für ein- bis dreijährige Kinder aus armen Familien kostenfrei sein. Frühe familienorientierte Hilfen müssten so gestaltet werden, „dass die Familien befähigt werden, ihr Leben und ihre Alltagsgestaltung selbst in die Hand zu nehmen". Es brauche Rahmenbedingungen, „um der Gefahr der Isolierung und des Rückzuges armer Familien entgegenzuwirken". „Solidarisches bürgerschaftliches Engagement" benötige „einen ermöglichenden Rahmen und verlässliche Strukturen". Die Erhöhung der Hartz IV-Sätze sei „ein Tropfen auf den heißen Stein". BREINING
 

© 2009 Stuttgarter Zeitung




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