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Bürokratie behindert Schulobstprogramm
12.11.2009
 
Bürokratie behindert Schulobstprogramm

Ernährung Das Land möchte Kindern Obst zukommen lassen. Die EU-Vorgabe ist aber nicht einfach umzusetzen. Von Renate Allgöwer

Esst mehr Obst, hat die EU als Direktive für die Schulen ausgegeben und Baden-Württemberg will das gerne befolgen. Immerhin ist der Südwesten ein großes Obstanbaugebiet. 30 Prozent des in Deutschland angebauten Obstes wächst in Baden-Württemberg, erklärt Friedlinde Gurr-Hirsch (CDU), die Staatssekretärin im Landwirtschaftsministerium. „Wir können uns gar nicht leisten, da nicht mitzumachen". Ob sich das Land aber leisten kann mitzumachen, ist laut Gurr-Hirsch ebenfalls noch offen. Aus dem Schulobstprogramm der EU entfallen, nachdem etliche Mitgliedstaaten der EU und auch einige deutsche Bundesländer abgewinkt haben, im aktuellen Schuljahr 2,2 Millionen Euro auf Baden-Württemberg. Wie bei der EU üblich, muss dieselbe Summe kofinanziert werden. Das Land selbst zahlt nichts. Das lasse die Haushaltslage nicht zu, betont Gurr-Hirsch. Als Geldgeber kämen dann noch die Kommunen oder private Dritte infrage.

Die Gemeinden haben bereits abgewinkt. Die Städte und Gemeinden sind zwar die Schulträger, doch sie mögen nicht in den sauren Apfel beißen. „Das Schulobstprogramm ist sicher nicht das drängendste Thema an unseren Schulen", erklärt ein Sprecher des Gemeindetages. Er sagt deutlich, dass die Kommunen gar nichts von den Plänen der EU halten und dass die EU das Thema auch nichts angehe. Man werde sich um Sponsoren bemühen, das schon, fügt sich der Gemeindetag zähneknirschend in die Beschlusslage. Wenn sich aber keine Geldgeber fänden, dann gebe es halt kein Programm. „Kommunale Gelder stehen dafür nicht zur Verfügung", stellt der Sprecher des Spitzenverbandes klar.

Gurr-Hirsch lässt sich davon nicht entmutigen. Es gebe auch Gemeinden, denen es finanziell ganz gut gehe und die sich vielleicht als besonders kinderfreundlich profilieren wollten. Die Suche nach privaten Kofinanciers sei in vollem Gange. Gedacht ist an Clubs wie Lions oder Rotarier, auch Firmen kämen infrage, Fruchthändler, Erzeugerverbände, aber auch Eltern. Die Staatssekretärin hält es nicht für ausgeschlossen, dass Eltern pro Apfel 20 Cent bezahlen, vorausgesetzt, bedürftige Kinder bekämen das Obst umsonst. Ohnehin kommen nicht alle Schulen für das Schulobstprogramm infrage. „Dann bekäme jeder Schüler zweimal im Jahr einen Apfel", sagt Gurr-Hirsch. Zielgruppen sind die Kindertagesstätten und die Grundschulen, denn bei den Kleinen fruchten solche Ernährungsprogramme noch am meisten, sagt die Staatssekretärin Auch Brennpunktschulen sollen dann in den Genuss von vorwiegend regional erzeugtem Obst und Gemüse der Saison kommen.

Selbst wenn Sponsoren gefunden werden, ist aber noch nicht sicher, dass das Programm wie geplant im Frühjahr 2010 in Baden-Württemberg starten kann. Die EU mache genaue Vorschriften wie das Programm umgesetzt werden solle, beklagt Gurr-Hirsch. Keinesfalls dürfe etwa ein Korb mit Äpfeln ans Ende der Theke in der Mensa einer Schule gestellt werden. Das Programm darf nicht in Zusammenhang mit Verpflegung stehen, zitiert Gurr-Hirsch aus den Vorschriften. Auch müsse ausgeschlossen werden, dass sich zum Beispiel Lehrer unbefugt an den subventionierten Äpfeln bedienten und evaluiert werden müsse das Ganze auch noch und zwar in dem Sinne, ob sich die Haltung der Kinder zu gesunder Ernährung durch das Programm verändere und ob es sich in deren Familien hinein auswirke. „Das frustriert selbst die Gutwilligen", klagt Gurr-Hirsch. Wie sie es dreht und wendet, 400 000 Euro werden an Verwaltungsaufwand am Land hängenbleiben, genehmigt haben die Gremien die Ausgabe noch nicht. Ob sie es tun werden, stehe noch nicht fest. Wünschen würde sich die Staatssekretärin schon, dass das EU-Programm umgesetzt werden kann, denn es würde perfekt in die bisherigen Ernährungsprogramme des Landes passen, sagt Gurr-Hirsch. Das Land habe auch schon Interesse für das Schuljahr 2010/11 angemeldet.
Das gefällt der Staatssekretärin: Kinder sollen in heimische Äpfel beißen. Dass auch Bananen verteilt werden, stößt Friedlinde Gurr-Hirsch allerdings sauer auf. Fotos: dpa, StZ
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