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Wer Pädagogen kennt, lernt ihre Arbeit zu schätzen
02.04.2009
 
Wer Pädagogen kennt, lernt ihre Arbeit schätzen
Die Öffentlichkeit stellt hohe Ansprüche und sieht Defizite
Persönliche Erfahrungen verändern das Urteil, das über Schule und Lehrer gefällt wird. Dies belegt jetzt eine Studie. Eltern bewerten die Arbeit der Lehrkräfte insgesamt positiver als die Allgemeinheit. Von Barbara Thurner-Fromm
Lehrer haben noch immer ein Imageproblem. Zwar würde sich heute kein Politiker mehr dazu versteigen, sie pauschal als „faule Säcke" zu beschimpfen, wie dies der frühere SPD-Kanzler Gerhard Schröder getan hatte. Aber noch immer glauben mehr als zwei Drittel der Bevölkerung, dass die Pädagogen mit ihrer Aufgabe überfordert sind. Dies geht aus einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach hervor. Allerdings hat die Umfrage auch ergeben, dass Eltern schulpflichtiger Kinder ein positiveres Bild zeichnen. So glauben nur 29 Prozent der Bevölkerung, dass sich Lehrer um gerechte Noten bemühen, aber 53 Prozent attestieren dies den Lehrern ihrer Kinder. Ähnlich auseinander fallen die Einschätzungen bei der Frage, ob Lehrer einen interessanten Unterricht gestalten, sich regelmäßig fortbilden und auch außerhalb der Schule für die Kinder da sind. Manche Wahrnehmungen relativieren sich im direkten Umgang. Dies gilt für Aussagen, Lehrer würden häufig über Belastungen klagen, könnten sich in der Schule nicht durchsetzen und nur schlecht mit Kritik umgehen. Auch glauben 37 Prozent aller Befragten, aber nur 19 Prozent der Eltern, dass Lehrer viel Freizeit haben.
Während also Eltern Lehrer positiver sehen als die Allgemeinheit, ist es bei der Frage, was an Schulen verbessert werden müsste, teilweise genau andersherum. Hier sind Eltern deutlich kritischer. So halten 61 Prozent aller Befragten, aber 71 Prozent der Eltern die Schulklassen für zu groß. Eltern klagen heftiger als die Allgemeinheit über Stundenausfall, mangelnde Ausstattung an Schulen und ungenügende individuelle Förderung der Schüler. Nahezu einig sind sie sich darin, dass eine bessere Allgemeinbildung vermittelt und die Ausbildung von Lehrern verbessert werden soll.
Zugleich verdeutlichen die Umfrageergebnisse, dass an die Schule hohe Anforderungen gestellt werden. An erster Stelle wird verlangt, dass die Kinder lernen sollen, die Rechtschreibung und Grammatik zu beherrschen (88 Prozent), und dass sie eine gute Allgemeinbildung vermittelt bekommen (84). Doch dann wird schon eher auf Kompetenzen denn auf Kenntnisse Wert gelegt: Hilfsbereitschaft und Rücksichtnahme, Konzentrationsfähigkeit, Leistungsbereitschaft und Teamfähigkeit liegen auf der Anforderungsskala auf den nächsten Plätzen. Erst an zehnter und elfter Stelle folgt der Ruf nach der Vermittlung guter Mathe- und Englischkenntnisse. Selbstbeherrschung, Disziplin, Höflichkeit und gute Manieren schließen sich an. Erstaunt kann man allerdings auch zur Kenntnis nehmen, dass Freude am Lesen und die Vermittlung naturwissenschaftlicher Kenntnisse auf den Schlussplätzen rangieren. Für ein Land, das mangels Rohstoffen seine Zukunft nur auf die klugen Köpfe seiner Menschen bauen kann, ist dies schon ein erstaunlicher Befund.
Immerhin wird der Schule attestiert, dass sie bei der Vermittlung von Fachwissen den Erwartungen der Bevölkerung gerecht wird. So glauben vier von fünf Befragten, dass sich die Schule darum bemüht, eine gute Rechtschreibung zu vermitteln, fast drei Viertel der Befragten attestieren dies auch für Mathe- und Englischkenntnisse. Und auch beim Umgang mit Computern und dem Internet bescheinigen fast zwei Drittel der Befragten entsprechende Anstrengungen. Defizite werden aber bei der Persönlichkeitsentwicklung beklagt: In puncto Hilfsbereitschaft, Konzentrationsfähigkeit, Selbstbewusstsein und Disziplin bleibt die Schule hinter den Erwartungen zurück - am weitesten bei der Höflichkeit und guten Manieren.

© 2009 Stuttgarter Zeitung
 

„Der Kontakt zu den Eltern ist wichtig"
Eine Hauptschullehrerin berichtet über ihren Alltag, Chancen und Nöte
Inge Weinold ist seit mehr als 30 Jahren Lehrerin an der Filderschule in Stuttgart-Degerloch, einer Grund- und Hauptschule. Aus ihrer Sicht müssen Lehrer heute viel mehr Erziehungsarbeit leisten als früher und damit Defizite bei den Eltern ausgleichen. Von Marcus Sander
„Ich wollte Ihren Job nicht machen!" Inge Weinold hat diesen Satz oft gehört. Aber Klischees sind nichts, worüber sich die 51-jährige Hauptschullehrerin an der Degerlocher Filderschule aufregt. Warum auch? „Die Öffentlichkeit nimmt den Lehrerberuf meistens sehr differenziert wahr. Und die Eltern wissen, wie stark sich viele Lehrer engagieren", sagt Inge Weinold, die gerade aus „ihrer" fünften Klasse kommt. Mit im Gepäck hat sie an diesem Tag die Aufgaben für die Mathearbeit mit den Dezimalbrüchen. Sie schreibt die Aufgaben noch mit der Hand, in Schönschrift. Alles bei ihr bekommt eine persönliche Note. Massenabfertigung gibt es nicht. „Die Schule ist der Mittelpunkt meines Lebens", sagt Inge Weinold.
Wenn die Lehrerin morgens um kurz nach sieben den Schulhof betritt, stürmen die ersten Kinder bereits auf sie zu. Manche sind besonders anhänglich: „Einen kleinen Schüler habe ich, der würde sich am liebsten bei mir auf den Schoß setzen." Wenn sie am Nachmittag schließlich wieder nach Hause fährt, hat Inge Weinold dann „ungefähr tausend Entscheidungen getroffen".
Sie gerät ins Schwärmen, wenn sie von „ihren Kindern" erzählt. Weinold sieht sich vor allem als Erzieherin, die den Kindern heute das geben will, was sie am meisten bräuchten: Orientierung, Werte und Zuwendung. „Unsere Kinder haben keine Lobby", sagt die Lehrerin. Eltern falle es zwar sehr leicht, Bekannten zu erzählen, dass ihr Kind auf das Gymnasium geht, aber wenn es auf die Hauptschule geht, schämten sich viele dafür. Die Angst, als Versager zu gelten, sei für Väter und Mütter oft das Schlimmste. „Die Gesellschaft hat in den letzten 30 Jahren nur erreicht, dass die Hauptschule schlechtgeredet wird", meint Weinold. Dabei werde dort sehr gute pädagogische Arbeit geleistet. Soll die Hauptschule also abgeschafft werden? „Was bringt das einem Kind", fragt Weinold zurück. „Dann sitzt es nicht mehr mit 16, sondern mit 29 anderen in der Klasse."
An die Filderschule kommen die sogenannten ganz normalen Kinder und solche, die die Gesellschaft vergessen hat. Das Heimkind, Störenfriede und Migranten, die bisher oft nur gehört haben, dass sie Versager seien. Hier setzt Weinold an: „Ich will diesen Kindern zeigen, dass jeder Mensch ein Talent hat." Sie muss aber auch Grenzen setzen. In der Klasse ist sie der Chef.
Inge Weinold weiß, dass sie an der Filderschule, die zur zweitbesten Hauptschule Deutschlands gekürt wurde, gute Voraussetzungen hat, einen persönlichen Draht zu den Kindern zu bekommen. Das Umfeld ist relativ intakt, mit jeweils 17 Schülern sind die Klassen klein. Dennoch gibt es Situationen, in denen sich auch die erfahrene Pädagogin überfordert fühlt - „wenn Kinder zu uns kommen, die von keinem Netz mehr gehalten werden". Manchmal hilft nur noch ein Anruf beim Jugendamt.
An der Filderschule sollen Kinder lernen, sich zu verständigen und Konflikte zu lösen. Dafür gibt es den Kummerkasten, den Gesprächskreis, das Schülerparlament, in dem sich auch aggressive Raufbolde äußern müssen. Bestandteil der Erziehung zur Toleranz ist unter anderem das internationale Weihnachtsfest, auf dem Kinder mit Migrationshintergrund ihre Heimatländer vorstellen. Auch alle Eltern kämen dazu, erzählt Inge Weinold. Der persönliche Kontakt zu den Eltern sei sowieso das A und O. Wenn es sein muss, scheut sie da auch kein offenes Wort. Als beispielsweise ein türkischer Junge von einer Demonstration schwärmte, auf der er mit seinem Vater gewesen war, hat die Lehrerin nachgehakt. Der Junge hatte keinen Schimmer, wofür oder wogegen er demonstriert hatte. Da hat sie den Vater um ein Gespräch gebeten. „Vor 20 Jahren haben die Eltern mehr Erziehungsarbeit geleistet, es wurde viel mehr miteinander gesprochen", lautet das Fazit von Inge Weinold.

© 2009 Stuttgarter Zeitung



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