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Zusätzliche Hürde für die künftigen Werkrealschüler
23.04.2009
 
Zusätzliche Hürde für die künftigen Werkrealschüler
Nur die besten Schüler zur zehnten Klasse zugelassen - Gewerkschaft: Hauptschüler werden planmäßig betrogen

STUTTGART. An der neuen Werkrealschule können nicht alle Schüler die mittlere Reife machen. Wer einen bestimmten Notenschnitt nicht erreicht, wird nicht zur zehnten Klasse zugelassen. Das geht aus Kabinettsunterlagen hervor, die der StZ vorliegen.
Das Versetzungszeugnis reiche aus, um Neuntklässler der zukünftigen Werkrealschule zur zehnten Klasse und damit zur mittleren Reife zuzulassen. Das hatte Kultusminister Helmut Rau (CDU) noch im Dezember in der Plenarsitzung des Landestags erklärt. Am kommenden Dienstag wird das Kabinett über den Gesetzentwurf zu der neuen Schulart beraten, und der sieht anders aus. Darin sind als Voraussetzung für die Aufnahme in die zehnte Klasse Mindestnoten vorgesehen. Wer an der Werkrealschule die mittlere Reife machen will, darf in der neunten Klasse in Deutsch nicht schlechter als Drei sein, in Mathematik und Englisch müssen die Schüler mindestens die Note Vier haben. Allerdings muss der Durchschnitt dieser drei Fächer mindestens 3,0 betragen. Eine Vier in Englisch müsste also durch eine Zwei in Mathematik oder in Deutsch ausgeglichen werden. Damit reicht das Versetzungszeugnis für die Zulassung zur zehnten Klasse nicht mehr aus. An der Realschule dagegen wird auch in die zehnte Klasse versetzt, wer im Durchschnitt nicht schlechter als 4,0 ist.
Nach der neunten Klasse können Werkrealschüler die Hauptschulabschlussprüfung ablegen. Nach der zehnten Klasse können sie das zweite Jahr der zweijährigen Berufsfachschule besuchen. Wer auf ein Berufskolleg überwechseln will, muss einen Notendurchschnitt von mindestens 3,0 aufweisen, für die Aufnahme in ein berufliches Gymnasium ist ein Notenschnitt von 2,4 notwendig. Der Gesetzentwurf sieht auch künftig einzügige Hauptschulen vor. Wenn diese bis jetzt schon ein zehntes Schuljahr anbieten, können sie das laut Gesetzentwurf auch weiterhin tun. Sie müssen aber in der zehnten Klasse wie die neuen Werkrealschulen mit den Berufsfachschulen kooperieren und mindestens 16 Schüler in der zehnten Klasse aufweisen. Dann haben auch diese Schulen den Status einer Werkrealschule.
Sehr verärgert reagiert die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) auf die geplanten Zulassungsbeschränkungen für die zehnte Klasse. Doro Moritz, die GEW-Landesvorsitzende, betrachtet die Änderungen als „aktiven und planmäßigen Betrug der Hauptschülerinnen und Hauptschüler um ihre Bildungschancen unter dem Deckmantel besserer Chancen". Versprochen habe die Landesregierung etwas anderes. Moritz geht davon aus, dass mehr als die Hälfte der Neuntklässler die neuen Vorgaben nicht erreichen könnten. Sie würden dann nach Einschätzung der GEW zu Abbrechern der neuen Werkrealschule. Damit verbinde sich die neue Schulart für die meisten ihrer Schüler nicht mit den vom Kultusministerium versprochenen zusätzlichen Chancen, sondern mit größeren Versagenserlebnissen, erklärte Moritz. Schülern mit Realschulempfehlung rät Moritz vom Besuch der zukünftigen Werkrealschule ab. In der Realschule genüge das Versetzungszeugnis von Klasse neun zum Besuch der zehnten Klasse, betont Moritz. Die GEW fordert das Kultusministerium auf, den Entwurf zurückzuziehen. Moritz vermutet, es sei das einzige Ziel der Landesregierung, viele kleine Hauptschulen zu schließen und die Diskussion um die Schulstruktur zu unterdrücken. „Dem fällt jede bildungspolitische Vernunft zum Opfer", kritisiert Moritz.
Während die im Städtetag organisierten größeren Städte dafür plädieren, die Hauptschulen in Werkrealschulen umzuwandeln, warnt der Gemeindetag vor einem „Kahlschlag in der Schullandschaft". Roger Kehle, der Gemeindetagspräsident, verlangt mehr Flexibilität. „Wir brauchen maßgeschneiderte Bildungskonzepte", sagte Kehle. Diese könnten nur unter Führung der kommunalen Schulträger entstehen. Eine Einheitslösung nach starren Vorgaben könne nicht funktionieren. Verschiedene sehr erfolgreiche Hauptschulen, die sich durch starke individuelle Förderung auszeichnen, fühlten sich in ihrer Existenz bedroht, weil sie nur eine Klasse pro Jahrgang führen, Werkrealschulen neuen Typs aber grundsätzlich zweizügig sein sollen. Jedoch sieht das Ministerium in dem neuen Entwurf vor, dass die Klassen fünf bis sieben je einzügig auf mehrere Schulstandorte verteilt werden können. Die Klassenstufen acht bis zehn sollten jedoch mindestens zweizügig geführt werden.
Der Gemeindetag begrüßt, dass mehrere Standorte in einer Werkrealschule zusammenarbeiten können. „Pädagogisch und wirtschaftlich vernünftige Kooperationsformen dürfen nicht ausgeschlossen werden", verlangt der Gemeindetagspräsident. Kehle sagte, es sei nicht vertretbar, bei rückläufigen Schülerzahlen neue Schulen zu bauen, anstatt vorhandene Schulräume zu nutzen. Er verwies auch auf die Bedeutung von Schulen als kulturelle Standortfaktoren für die Gemeinden. Kehle verlangt weiter, dass einzügige Hauptschulen wie bisher ein zehntes Schuljahr anbieten können, auch wenn sie die Mindestschülerzahl von 16 nicht erreichen. Auch die Zusammenarbeit von einzügigen Hauptschulen mit benachbarten Realschulen müsse möglich bleiben. ALLGÖWER

© 2009 Stuttgarter Zeitung



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