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"Amokläufe weniger wahrscheinlich machen"
11.03.2010
 
„Amokläufe weniger wahrscheinlich machen"

Sonderausschuss Das Gremium zu Konsequenzen aus Winnenden empfiehlt mehr Beratungslehrer. Von Renate Allgöwer

Das Kultusministerium hat der Sonderausschuss des Landtags schon auf seiner Seite. Die im Ausschuss vertretenen 18 Abgeordneten empfehlen, dass 250 neue Lehrerstellen geschaffen werden, damit für alle Schulen im Land Beratungslehrer zur Verfügung stehen. Bei der offiziellen Präsentation des Abschlussberichts sagte der Ausschussvorsitzende Christoph Palm (CDU) außerdem, dass von den 100 zusätzlich geforderten Schulpsychologen 30 schon im kommenden Schuljahr anfangen sollten.

Bei Kultusministerin Marion Schick (CDU) stoßen die Parlamentarier auf offene Ohren. „Wir unterstützen den Vorschlag, die Zahl der Schulpsychologen und Beratungslehrer zu verdoppeln", erklärte Schick. Sie zeigte sich zuversichtlich, dass mit den Vorschlägen des Sonderausschusses und des Expertenkreises Amok der präventive Bereich gezielt gestärkt wird.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wertet die Empfehlungen als erste wichtige Schritte, die schnell umgesetzt werden sollten. Doro Moritz, die GEW-Landesvorsitzende, sagte, Schulpsychologen könnten dazu beitragen, frühzeitig gewaltbereite Schüler zu identifizieren. Sie könnten Amokläufe aber nicht verhindern. Moritz erinnerte auch daran, dass in Baden-Württemberg bisher 100 Schulpsychologen für etwa 1,5 Millionen Schüler zuständig sind. Auch nach der geforderten Verdoppelung der Stellenzahl läge der Südwesten weit unter dem Bundesdurchschnitt. Bundesweit kommen auf einen Schulpsychologen laut GEW etwa 16 500 Schüler. In den USA oder in Skandinavien betreut nach Angaben der Bildungsgewerkschaft ein Schulpsychologe zwischen 800 und 1000 Schülern.

Zu den geforderten zusätzlichen Beratungslehrern merkt Moritz an, „bei psychischen Problemen kann die engagierte Arbeit dieser Lehrer eine professionelle schulpsychologische Arbeit nicht ersetzen". Zurzeit sind 1400 Beratungslehrer im Einsatz. Im Land gibt es mehr als 4000 allgemein bildende und mehr als 300 staatliche berufliche Schulen.

Das Kultusministerium hat bereits angekündigt, dass 40 Schulen im Land an dem Modellprojekt „Network against school shootings, Netwass" (zu deutsch etwa Netzwerk gegen Amokläufe an Schulen) teilnehmen werden. Bei dem Projekt werden Bedrohungsanalyseteams an den Schulen aufgebaut. Lehrer sollen Warnsignale von potenziellen Gewalttätern schnell erkennen. Schick verkündete gestern auch, dass das Land den Umbau der Albertville-Realschule in Winnenden (Rems-Murr-Kreis) mit drei Millionen Euro unterstützen werde. Der Bund gibt ebenfalls drei Millionen. Der Umbau kostet 4,9 Millionen Euro. Der Überschuss wird laut Schick für die Containerkosten benötigt.

Mit der Teilnahme an dem Netwass-Modell folge man einer Empfehlung der Ausschüsse, heißt es aus dem Ministerium. Dieser schlägt vor, dass sich alle Schulen an dem Gewaltpräventionsprogramm des norwegischen Psychologen Dan Olweus beteiligen. Dem messe der Ausschuss zentrale Bedeutung bei, sagte Palm. Dabei sollen die Beziehungen der Schüler untereinander verbessert werden. Beispielsweise sollen Mobbingopfer und Täter lernen, in und außerhalb der Schule besser zurecht zu kommen. Palm betonte, der Kommission gehe es darum, „die Rahmenbedingungen so zu verbessern, dass Amokläufe weniger wahrscheinlich werden". Dafür sei „mehr notwendig, als Türknäufe und eines der strengsten Waffengesetze der Welt". Nur ein enges Miteinander von Schulen, Eltern und Gesellschaft könne an den Schulen zu einer Kultur des Vertrauens, der Anerkennung und des Zuhörens beitragen.

Der Landtagsausschuss macht Vorschläge, die rund 30 Millionen Euro im Jahr kosten. Einig sind sich die vier Fraktionen darin, dass die Erziehungskraft der Eltern gestärkt werden soll. Nicht alle Wünsche der vier Fraktionen wurden in Empfehlungen umgesetzt (wie in der Samstagsausgabe bereits berichtet). SPD und Grüne hatten sich gewünscht, dass das Land sich wieder an der Finanzierung der Schulsozialarbeiter beteiligt. Für die Grünen fordert ihr Ausschussmitglied Hans-Ulrich Sckerl 2500 zusätzliche Schulsozialarbeiter.

Die Oppositionsparteien wollten außerdem Revolver und Pistolen im Privatbesitz verbieten lassen. Das lehnten CDU und FDP im Ausschuss ab. Für die FDP lobte Hagen Kluck, „dass der Ausschuss nicht sein Heil in Gesetzesverschärfungen sucht, sondern auf den Vollzug bestehender Gesetze achten will". Katrin Altpeter (SPD) hob die „große Kompromissbereitschaft" der Ausschussmitglieder hervor. Dennoch dürfe man die Ergebnisse nicht gering achten. Auch Sckerl betonte, das traurige Thema eigne sich nicht für die parteipolitische Auseinandersetzung. Altpeter zeigte sich überzeugt, wenn die Empfehlungen umgesetzt würden, „werden Amokläufe deutlich unwahrscheinlicher werden".

Eine verstärkte Polizeipräsenz zur Sicherheit - wie hier 2006 an einer Schule in Görlitz - wird nach Ansicht der Parlamentarier nichts nützen. Um Amokläufe künftig zu vermeiden, sollen die Schulen statt dessen an Gewaltpräventionsprogrammen teilnehmen.Foto: ddp

ALLGÖWER
© 2010 Stuttgarter Zeitung
Artikel aus der Stuttgarter Zeitung
Stadtausgabe (Nr. 57)
vom Mittwoch, den 10. März 2010, Seite Nr. 5



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