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Etliche Hauptschulen fallen weg
20.04.2010
 
Etliche Hauptschulen fallen weg

Werkrealschulen In der ersten Umwandlungsrunde gehen 84 Standorte verloren. Kritiker erwarten, dass weitere folgen. Von Renate Allgöwer

Die Skeptiker des neuen Werkrealschulkonzepts sehen sich bestätigt: Das Hauptschulsterben beginnt, kommentieren die Grünen die Bilanz der ersten Antragsrunde. Zum kommenden Schuljahr werden 525 Werkrealschulen neuen Typs an den Start gehen, sie sind auf 667 Standorte verteilt, da 142 Hauptschulen zu Außenstellen geworden sind. 84 Hauptschulen werden im Zusammenhang mit der Einführung der neuen Werkrealschulen geschlossen. Bis jetzt verbleiben nach Angaben von Kultusministerin Marion Schick (CDU) 402 Hauptschulen. Die Trägerkommunen können bis zum 15. Oktober in einer zweiten Runde Anträge für Werkrealschulen stellen.

Für die Grünen ist klar, dass „bei den noch bestehenden 402 Hauptschulen weitere Schließungen folgen werden". Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) nimmt an, dass viele der neuen Werkrealschulen keine langfristige Zukunftsperspektive haben werden. „Die Hälfte der jetzt genehmigten Werkrealschulen wird schon in wenigen Jahren so wenige Schüler haben, dass das Konzept nicht mehr umgesetzt werden kann", erklärte Doro Moritz, die Landesvorsitzende der GEW. Großen Unmut rief hervor, dass Schick erst heute Mittag die Liste der Hauptschulen, die zugemacht werden, im Internet bekanntgeben will (www.km-bw.de). Im Regierungsbezirk Stuttgart schließen in der ersten Runde 19 Hauptschulen, im Regierungsbezirk Tübingen 21, in den Bezirken Freiburg und Karlsruhe jeweils 22. Geschlossen werden nach Informationen der StZ im Regierungsbezirk Stuttgart zehn Schulen im Kreis Esslingen, jeweils zwei in den Kreisen Ludwigsburg und Main-Tauber, je eine in den Kreisen Böblingen und Schwäbisch Hall und drei im Rems-Murr-Kreis. Allein in der Stadt Karlsruhe werden nach Auskunft eines Sprechers des Regierungspräsidiums bis 2014 neun der 25 Hauptschulstandorte aufgegeben. Dagegen verteilen sich die Schließungen in Freiburg quer über den Bezirk. Aus Tübingen war nichts zu erfahren.

In der zweiten Antragsrunde sollen sogenannte weiße Flecken abgedeckt werden. Schick erklärte, man werde „aktiv nach wohnortnahen Lösungen suchen ". Der Weg zur Werkrealschule dürfe nicht weiter sein als zu anderen weiterführenden Schulen. Roger Kehle, der Präsident des Gemeindetags, betonte, es dürfe keine Raumschaft geben, in denen den Schülern Berufschancen verbaut würden, weil es keine Werkrealschule in ihrer näheren Umgebung gebe. Kehle sieht hier „dringenden Optimierungsbedarf". Die Genehmigungskriterien müssten geändert werden. „Wir wollen, dass an möglichst vielen Standorten die Schule weiterhin im Dorf bleiben kann". Das Ministerium dürfe nicht „statisch an den Schülerzahlen kleben". Die größte Hürde ist, dass die Werkrealschulen zwei Klassen pro Jahrgang bilden müssen. Kehle verlangte, dass diese Zweizügigkeit erst von Klasse acht an gelten solle. Die Ministerin zeigte sich in dieser Frage zurückhaltend. Sie wolle „ein Signal aussenden, nicht auf andere Kriterien zu warten".

Ivo Gönner, der Präsident des Städtetags, bezeichnete die Werkrealschule als innovative und zukunftsweisende Antwort auf die Entwicklung der Schülerzahlen. Jetzt müssten die Schulen Profile bilden, um sich im Wettbewerb zu behaupten. Guido Wolf, der Vizepräsident des Landkreistags verwies auf steigende Kosten der Schülerbeförderung. In Zukunft werden Werkrealschüler in der zehnten Klasse mehrmals in der Woche an Berufsfachschulen unterrichtet, zu denen sie ebenso transportiert werden müssen wie zu den neuen Standorten. Schon jetzt liegt das Defizit der Landkreise bei knapp 35 Millionen Euro im Jahr. Die Kreise erwarten höhere Zuschüsse des Landes.

Der Arbeitskreis Gesamtelternbeiräte Baden-Württemberg und der Verein Schule mit Zukunft, der sich dem längeren gemeinsamen Lernen verschrieben hat, planen eine Petition an den Landtag. Sie wollen erreichen, dass alle bisherigen Hauptschulen zu Werkrealschulen werden können, auch wenn sie nur eine Klasse pro Jahrgang bilden können. Gleichzeitig verlangen sie, dass die Zulassungsbeschränkung entfällt. Es ist vorgesehen, dass nur die Schüler in die zehnte Klasse aufgenommen werden, die einen bestimmten Notenschnitt erreichen. Die anderen müssen die Werkrealschule nach der neunten Klasse mit dem Hauptschulabschluss verlassen.
ALLGÖWER

Artikel aus der Stuttgarter Zeitung
Stadtausgabe (Nr. 90)
vom Dienstag, den 20. April 2010, Seite Nr. 5


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