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Sucht in der Familie gilt als hohes Risiko
15.07.2010
 
Sucht in der Familie gilt als hohes Risiko

Stiftungsprojekt Vor allem Eltern sind bei der Prävention gefragt. Von Renate Allgöwer


Die Zahlen sind alarmierend. Mehr als 4000 Kinder und Jugendliche zwischen elf und 19 Jahren kamen im Jahr 2008 mit Alkoholvergiftungen ins Krankenhaus. Im vergangenen Jahr sollen es nach Zahlen der Deutschen Angestellten-Krankenkasse sogar 4500 gewesen sein. Zwischen 2001 und 2008 haben sich die Zahlen von 1792 auf 4014 Fälle mehr als verdoppelt. Die meisten Kinder beginnen inzwischen schon mit 13 oder 14 Jahren mit dem Alkoholmissbrauch, hat das Statistische Landesamt festgestellt. An manchen Wochenenden scheint es, sei Komasaufen die Hauptbeschäftigung von Jugendlichen.


Schulen, Jugendhäuser und Krankenkassen bemühen sich, Kinder und Jugendliche von Alkohol und Zigaretten fernzuhalten. Als Schlüsselstelle gilt aber nach wie vor die Familie. An die ist jedoch schwer heranzukommen. Baden-Württembergs Sozialministerin Monika Stolz (CDU) betont, „in der Familie erfolgen wichtige Weichenstellungen zum Umgang mit Suchtmitteln." Die Wissenschaft bestätigt, Sucht in der Familie ist ein hoher Risikofaktor für Kinder und Jugendliche. Nicht nur das schlechte Vorbild, auch eine schwächere Eltern-Kind-Bindung und häufigere Gewalt tragen zur Suchtgefährdung bei. Selbst bei lediglich erhöhtem Konsum von Alkohol und Nikotin sagen die Experten beim Nachwuchs einen früheren und größeren Konsum von Alkohol und Zigaretten voraus.


Familienorientierte Vorbeugung sei durchaus wirksam, erklärt Stolz. Sie mahnt, „dazu müssen sich Eltern ihrer Vorbildrolle bewusst sein und das Konsumverhalten ihrer Kinder kritisch hinterfragen". Dazu gehört laut Stolz auch, „Fehlentwicklungen konsequent entgegenzutreten".


Die Baden-Württemberg Stiftung hat in acht Modellprojekten zum Thema „Kinder und Sucht, Herausforderungen für die Familie" drei Jahre lang unterschiedliche Präventionsansätze erprobt und dabei besonders in den Blick genommen, wie die Familien erreicht werden können. Gestern präsentierte die Esslinger Professorin Marion Laging das Ergebnis ihrer wissenschaftlichen Begleitung. Von den Erkenntnissen verspricht sich Christoph Dahl, der Geschäftsführer der Landesstiftung, Impulse für die Weiterentwicklung der familienorientierten Suchtprävention in Deutschland.


Die Sozialpädagogin Laging hat erkannt, dass dem familiären Umfeld eine zentrale Rolle bei der Entwicklung einer Suchtgefährdung zukommt. Dabei seien Mütter als Vorbilder wichtiger als Väter. Andererseits hat Laging herausgefunden, dass „Familien als Einheit zu den besonders schwer erreichbaren Zielgruppen in der Suchtprävention gehören". Sie gibt zu bedenken: „Wer präventive Interventionen für Familien plant, sollte nicht davon ausgehen, dass Familien motiviert sind, an diesen teilzunehmen". Besonders schwer sind nach Erfahrungen der Experten Familien mit geringem Einkommen und niedrigem Bildungsniveau für die Programme zu gewinnen. Oft ist die persönliche Bindung zu den Sozialarbeitern entscheidend. Der Zugang sei über Mütter leichter als über Väter.


Projekte kommen dann gut an, wenn sie Abenteuer, Erlebnis oder Spielen versprechen, Aktivitäten, die Normalität verheißen und keine Stigmatisierung befürchten lassen. Gerade Familien mit hohen Risikofaktoren hätten oft schlechte Erfahrungen im Einzelkontakt mit Ämtern gemacht. Sie seien leichter mit Gruppenangeboten zu erreichen. Gleichzeitig besteht nach Einschätzung der Wissenschaftlerin aber die Gefahr, dass vor lauter Aktivitäten suchtpräventive Inhalte gar nicht wahrgenommen werden. Wenn Sozialarbeiter Zugang zu den Familien bekommen haben, sollten sie sich nicht nur auf das Thema Sucht beschränken. „Familienorientierte Suchtprävention sollte für weitergehende Fragen und Nöte der Eltern offenbleiben. Sie darf sich den Alltagssorgen nicht verschließen", heißt es in dem Abschlussbericht.

ALLGÖWER
 
Artikel aus der Stuttgarter Zeitung
Stadtausgabe (Nr. 160)
vom Donnerstag, den 15. Juli 2010, Seite Nr. 5


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