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Surfen mit digitalem Sicherheitsgurt
06.11.2010
 
Surfen mit digitalem Sicherheitsgurt

Jugendschutz Aufklärung ist der beste Schutz gegen Anmache im Internet, sagen die Medienwächter. Von Renate Allgöwer

Die Fernsehsendung „Tatort Internet", in der Stephanie zu Guttenberg auf mutmaßliche Kinderschänder aufmerksam macht, hat bei aller möglicher Zweifelhaftigkeit ein Gutes, sagt Thomas Langheinrich, der Präsident der Landesanstalt für Kommunikation, LfK. „Sie hat die gesellschaftliche Diskussion über Gefahren in Chats ausgelöst". Die Medienwächter des Landes wollen das Chatten nicht verteufeln, aber sie wollen erreichen, dass vor allem Kindern und Jugendlichen die Gefahren bewusst werden. „Im Netz braucht man digitale Sicherheitsgurte", betont Langheinrich. Den besten Schutz biete die Medienkompetenz.

Fast jedes zweite Kind im Alter von acht bis neun Jahren ist mindestens einmal in der Woche online, hat der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (mpfs) 2008 in seiner Untersuchung zum Medienverhalten von Kindern ermittelt. Bei den Zwölf- bis 13-Jährigen sind es 79 Prozent. Chatten ist dabei die Hauptbeschäftigung der Kinder. Altersbegrenzungen auf 16 Jahre hält Langheinrich für weltfremd. Er appelliert an die Verantwortung der Eltern und der Anbieter. „Die Eltern sind verpflichtet, sich mit den Gefahren des Internets zu beschäftigen." Es gehe darum, Fußangeln im Netz anzusprechen und Kinder dafür zu sensibilisieren.

Besonders bei den großen Anbietern, deren Plattformen sich an alle Altersgruppen richteten, versuchten Chatter sexuelle Kontakte anzubahnen, sagt Katja Knierim von der Kontrollinstanz „jugendschutz.net". Dann müssen Kinder und Jugendliche wissen, wann ihre Alarmglocken schrillen müssen. Wenn jemand fragt, bis du allein zu Hause, oder er schreibt, „bin 43 Jahre alt, schlimm?", dann ist es Zeit, den Chat abzubrechen, rät Friedemann Schindler, der Leiter von Jugendschutz.net.

Natürlich müssten Kinder die zentralen Sicherheitsregeln kennen, dazu gehöre, niemals jemanden, den man im Chat kennengelernt habe, ohne Begleitung eines Erwachsenen zu treffen. Die Experten stellen auch fest, dass Kinder und Jugendliche nach wie vor zu sorglos mit ihren Daten umgehen. Viele geben ihre Hobbys preis oder stellen Fotos von sich und von Freunden ins Netz. „Die Adressaten sind aber nicht nur Bekannte", warnt Thomas Rathgeb vom Medienpädagogischen Forschungsverbund. Das Bewusstsein für die Risiken müsse weiter geschärft werden.

Aufklärung ist aber nicht alles. Von den Betreibern erwartet Friedemann Schindler bessere Sicherheitsvorkehrungen. Belästiger sollten dauerhaft aus Chats ausgeschlossen werden. Er setzt sich auch für die Einrichtung von sogenannten Notfall-Buttons ein. Großbritannien sei bereits einen Schritt weiter. Dort würden automatisch Chatprotokolle erstellt, wenn jemand den Notrufknopf aktiviert habe. Dadurch ließen sich Belästiger leichter identifizieren.

So anonym, wie viele annehmen, ist das Internet nicht. Viele Eltern wissen gar nicht, dass Belästiger identifizierbar sind, erklärt Friedemann Schindler. Er rät, bei auffälligen Kontakten die Polizei einzuschalten. Wenn die Uhrzeit und der Chat bekannt seien, könne die Polizei Täter durchaus identifizieren.

Auch hält der Jugendschützer Schindler nichts von der Verteufelung des Internets. „Wenn Kinder, Jugendliche und Eltern beim Chatten die wichtigsten Sicherheitsregeln einhalten, drohen weniger Gefahren als auf dem Kinderspielplatz."

Artikel aus der Stuttgarter Zeitung, Stadtzausgabe (Nr 257 S. 5), v. Sa. 6.11.10
ALLGÖWER
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