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Aufbruch zu mehr Chancengleichheit
28.09.2011
 
Kabinett Die Eckpunkte für die Gemeinschaftsschule sind beschlossen. Der Beginn ist 2012 geplant.
Von Renate Allgöwer

Für Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) ist es „ein wichtiges Signal für den grün-roten Bildungsaufbruch, um endlich allen Kindern und Jugendlichen im Land dieselben Chancen an den Schulen einzuräumen”. Für die oppositionelle CDU ist es „der endgültige Abschied vom erfolgreichen Bildungssystem in Baden-Württemberg”. Bei der Einführung der Gemeinschaftsschule stehen sich die Parteien wie eh und je unversöhnlich gegenüber.

Gestern hat das Kabinett einstimmig die Eckpunkte für die neue Schulart beschlossen. Damit sind die Minister zumindest der Forderung der Kommunen nähergekommen, die als Schulträger seit dem Regierungsantritt der Koalition wissen wollen, unter welchen Voraussetzungen sie die neuen Schulen einrichten können. Die Eckpunkte sehen vor, dass sich alle weiterführenden Schulen zu Gemeinschaftsschulen entwickeln können. Sie brauchen ein tragfähiges pädagogisches Konzept und müssen laut Kultusministerin in der Regel zwei- oder mehrzügig sein, ausnahmsweise sei aber auch Einzügigkeit möglich. Das Kabinett hält eine dauerhafte Mindestschülerzahl von 20 Schülern in der Eingangsklasse für erforderlich. Ab 28 Schülern werden die Klassen geteilt.

Die Gemeinschaftsschule besteht aus den Klassen fünf bis zehn. Wenn sie mindestens zweizügig ist, kann eine dreijährige gymnasiale Oberstufe eingerichtet werden. Das Kabinett will es auch ermöglichen, dass Grundschulen in Gemeinschaftsschulen integriert werden. Die Klassenverbände werden aufgelöst, es wird in Lerngruppen unterrichtet. Versetzungen im bisherigen Sinn gibt es ebenso wenig wie Sitzenbleiben. Unterrichtet wird nach den Bildungsstandards von Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Schüler können nach der neunten und nach der zehnten Klasse den Hauptschulabschluss machen, nach der zehnten Klasse ist auch der Realschulabschluss möglich.

Durch den Unterricht nach den Bildungsstandards der verschiedenen Schularten sei der Anschluss beispielsweise an das Gymnasium gewährleistet, heißt es in den Eckpunkten. Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) hatte schon in der vergangenen Woche betont, Schüler von Gemeinschaftsschulen müssten beim Wechsel auf ein allgemein bildendes Gymnasium die zehnte Klasse wiederholen, und damit Unruhe gestiftet. Gemeinschaftsschüler können außerdem in drei Jahren an beruflichen Gymnasien oder an der Sekundarstufe II ihrer Gemeinschaftsschule Abitur machen. Gemeinschaftsschulen sind Ganztagsschulen mit sogenannten rhythmisierten Lernangeboten. Der Unterricht ist im Wechsel mit anderen Angeboten über den ganzen Tag verteilt.

Es unterrichten Lehrer aller Schularten. Die Lehrer können in allen Lerngruppen eingesetzt werden. Die Regierung kündigt ein Begleitungs- und Fortbildungskonzept an. Warminski-Leitheußer rechnet damit, dass im Herbst 2012 etwa 30 Schulen in die neue Zeit aufbrechen werden. Etwa 200 Gemeinden hätten ihr Interesse bekundet. Zwar verzeichnet die Ministerin in Oberschwaben eine gewisse Häufung, doch handelt es sich dem Vernehmen nach durchaus nicht nur um Bürgermeister, die den Grünen oder der SPD zuneigen. Für Winfried Kretschmann ist jedenfalls „jetzt schon absehbar, dass die bisherigen parteipolitischen und ideologischen Gräben bei Gemeinschaftsschulen verschwinden werden”. Er erwartet, dass auch die Gegner die Vorteile der Schulreform bald erkennen.

Danach sieht es zumindest bei den Landtagsfraktionen nicht aus. „Überflüssig und rein ideologisch motiviert”, nennt Georg Wacker - früher Staatssekretär im Kultusministerium, jetzt bildungspolitischer Sprecher der CDU - die Gemeinschaftsschule. Alle Schüler bekämen einen „Einheitsbrei” vorgesetzt. Die individuelle Förderung entfalle. Das werde weder den schwachen noch den starken Schülern gerecht. Wacker wettert weiter, die bisherige erfolgreiche Arbeit der Lehrkräfte werde mit einem Federstrich beendet. Schularten, die bundesweit Spitzenleistungen erzielten, würden zu Gunsten der Gemeinschaftsschule schlechter ausgestattet.

Timm Kern, der Bildungspolitiker der FDP-Fraktion, vermisst Aussagen, wie die schwächeren Schüler zusätzlich gefördert werden. Für ihn bleibt zweifelhaft, ob die Gemeinschaftsschule schwächeren Schülern bessere Chancen eröffnet.

Die Regierungskoalition hält dagegen, die Gemeinschaftsschule bringe mehr Chancengerechtigkeit. Sie biete den Rahmen für die bestmögliche individuelle Förderung und sie sichere im ländlichen Raum wohnortnahe Angebote mit verschiedenen Schulabschlüssen. Allerdings hatten in der vergangenen Woche Vertreter aus Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen vor dem Gemeindetag von ihren Erfahrungen berichtet. Sie gehen dabei von wesentlich größeren Schulen aus.LLGÖWER
 
Artikel aus der Stuttgarter Zeitung, Stadtausgabe (Nr 225) S. 6, 28.09.2011
© 2011 Stuttgarter Zeitung




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