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Kampagne für mehr Männer in Kitas
19.01.2011
 
Kampagne für mehr Männer in Kitas

Modell Ein privater Träger erhält eine Million Euro, um den Anteil von Erziehern zu erhöhen. Von Inge Jacobs

Nicht nur Bundesfamilienministerin Kristina Schröder will es. Auch Waltraud Weegmann, die Geschäftsführerin des privaten Kitaträgers Konzept-e für Bildung und Soziales GmbH, will den Männeranteil in den pädagogischen Teams ihrer Kitas erhöhen: „Uns brennt der Fachkräftemangel ganz arg auf den Nägeln." Außerdem bräuchten Kinder auch männliche Vorbilder.

Mit seinem Konzept zur Erhöhung des Männeranteils in den Kitas bewarb sich der Träger auf die bundesweite Ausschreibung eines Modellprogramms - und erhielt als einziger in Baden-Württemberg den Zuschlag, samt einer attraktiven Förderung. Das Bundesfamilienministerium und der Europäische Sozialfonds finanzieren insgesamt 16 der 70 eingereichten Konzepte. Der Stuttgarter Träger erhält eine Million Euro auf drei Jahre. Beworben hatten sich auch das städtische Jugendamt und der evangelische Träger; sie sind jedoch leer ausgegangen.

Weegmann freut sich über den Zuschlag: „Mit 14 Prozent ist der Männeranteil in unseren insgesamt 14 Stuttgarter Kitas bereits heute vergleichsweise hoch." Von 133 Mitarbeitern seien immerhin 18 Männer. Der Stuttgarter Durchschnitt hingegen liege bei sieben Prozent, bundesweit bei 2,4 Prozent. Mit einem umfassenden Konzept, das auch die Jury überzeugt hat, will Konzept-e noch mehr Männer in die Kitas holen. „Wir wollen Jungen beziehungsweise Männern zeigen, was dieser Beruf ihnen bieten kann", sagt Waltraud Weegmann.

Geplant seien Schulpatenschaften mit ein, zwei Gymnasien und Realschulen. „Schüler dürfen bei unseren Ferienwerkstätten mithelfen oder mal bei uns jobben, damit sie einen Eindruck kriegen", berichtet Weegmann. Zudem wolle man ein internetbasiertes Fachschulkonzept mit Theorie- und Praxisphasen entwickeln sowie ein Mentorensystem, das die männlichen Erzieher unterstützen soll. Man wolle Berufseinsteiger ansprechen, aber auch Männer, die neue berufliche Perspektiven suchen. Man erhalte derzeit viele Anrufe von Handwerkern - etwa Gärtnern, Bäckern und Schreinern -, die umschulen wollten.

„Wenn wir mehr Männer in Kitas haben möchten, müssen wir überprüfen, ob die Arbeitsweise und die Rahmenbedingungen in unseren Häusern für Männer stimmen", erklärt Weegmann. Mit dem Fördergeld sollen eine Imagekampagne finanziert werden sowie zwei Mitarbeiter, die das Fachschulkonzept umsetzen. Außerdem werde man eine Halbtagsstelle für Öffentlichkeitsarbeit besetzen.

Schon bisher habe man, um den Männeranteil zu erhöhen, alle männlichen Bewerber eingeladen. Bei einem Workshop „mit allen unseren Männern" habe sich herausgestellt, dass ihnen besonders wichtig sei, „Freiräume zu haben und sich gut einzubringen". Das Konzept einer flachen Hierarchie, ohne die Unterscheidung von Erst- und Zweitkräften, komme diesen Vorstellungen entgegen, so Weegmann.

Männer seien in den Kitas eine wichtige Bereicherung. Und sie arbeiteten anders als Frauen, stellt Weegmann fest. Sie machten oft Musik, seien mit der Gitarre unterwegs, schreinerten - „und sie machen mit den Kindern mehr im Freien, vor allem wildere Sachen: toben, kicken. Das ist für uns ein ganz wichtiger Punkt", sagt Weegmann.

Außerdem gehe es bei Männern nicht immer nur um die Befindlichkeit. „Sie sind pragmatischer." Und noch etwas sei bemerkenswert: „Wir haben festgestellt, wenn einer da ist, kommt auch gern ein zweiter und dritter in die Einrichtung."

In der Bärcheninsel in Dürrlewang sei dieser Effekt besonders ausgeprägt: Der Männeranteil beträgt hier 40 Prozent. Die Eltern reagierten darauf unterschiedlich. Viele schätzten gerade dies, andere hätten zunächst auch Vorbehalte, etwa im Hinblick auf mögliche sexuelle Übergriffe. Aber dies lege sich rasch wieder. Der heikle Punkt werde regelmäßig thematisiert, auch in den Teams.

Auch die Bezahlung ist aus Weegmanns Sicht kein Problem - „Maurer und Metzger verdienen weniger". Der größte Haken beim Ziel, den Männeranteil in den Kitas zu erhöhen, sei die althergebrachte Vorstellung: Frauen erziehen Kinder. Das EU-weit diskutierte Ziel ist demgegenüber ein Männeranteil in Kindertagesstätten von 20 Prozent.

Artikel aus der Stuttgarter Zeitung
Stadtausgabe (Nr. 14)
vom Mittwoch, den 19. Januar 2011, Seite Nr. 19




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