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Kinder leiden unter der Sucht der Eltern
23.05.2011
 
Kinder leiden unter der Sucht der Eltern

Prävention Die Landesstelle für Suchtfragen richtet den Fokus bei der „Aktionswoche Alkohol” auf die Familie. Von Leonie Hemminger

Weniger ist besser” lautet das Motto der diesjährigen „Aktionswoche Alkohol”, das die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) bundesweit alle zwei Jahre veranstaltet. Bei Aktionen in Kirchen, Hochschulen, Vereinen und an öffentlichen Plätzen soll bis einschließlich Freitag auf den problematischen Konsum von Alkohol aufmerksam gemacht werden.

Die baden-württembergische Landesstelle für Suchtfragen legt ihren diesjährigen Schwerpunkt nicht auf die Suchtkranken selbst, sondern auf deren Angehörige. „Wir müssen Alkoholprobleme als Familienthema betrachten”, sagt Hansjörg Böhringer, der Vorsitzende der Landesstelle für Suchtfragen. Das Ausmaß, in dem die ganze Familie der Erkrankten betroffen ist, werde völlig unterschätzt.

Insbesondere auf leidtragende Kinder und Jugendliche soll während der Aktionswoche der Fokus gerichtet werden. Laut Landesstelle leben bundesweit 2,7 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Familien mit Alkoholproblemen. In Baden-Württemberg sind rund 150 000 Kinder unter 15 Jahren betroffen. „Diese Größenordnung zeigt, dass wir es hier nicht mit einer zu vernachlässigenden Randgruppe zu tun haben”, sagt Böhringer.

Alarmiert sind er und seine Mitarbeiter zum einen wegen der psychischen Belastung, die bei betroffenen Kindern bis hin zu Entwicklungsstörungen oder -verzögerungen führen kann. Nicht selten gerate die ganze Familie in eine sozial isolierte Situation. Darüber hinaus seien Kinder von Alkoholkranken siebenfach stärker gefährdet, ebenfalls ein Suchtproblem zu entwickeln. „Schließlich werden Konsumgewohnheiten in der Familie weitergegeben”, sagt Hansjörg Böhringer.

Auch die Suchthilfezentren der Diakonie haben dies erkannt und sich zum Ziel gesetzt, die Übertragung der Suchtkrankheit von einer Generation auf die nächste zu durchbrechen. Uwe Zehr von der Diakonie Böblingen fordert dazu insbesondere eine bessere Zusammenarbeit zwischen Jugendämtern und Suchthilfeorganisationen. Zu selten würden Alkoholprobleme, die bei auffälligen Jugendlichen häufig im Hintergrund eine Rolle spielten, berücksichtigt. Intensiviert werden müsse auch der Austausch von Erziehern und Lehrern mit Fachkräften von Suchtberatungsstellen. „Das wird noch zu wenig genutzt und ist zu wenig standardisiert”, sagt Zehr.

Christa Niemeier, die Referentin für Suchtprävention der Landesstelle für Suchtfragen, fordert eine langfristige Betreuung von Jugendlichen mit Alkoholproblemen. „Wer einen schwierigen sozialen Hintergrund hat, bei dem greifen Einzelmaßnahmen meist nicht”, sagt sie. „Prävention ist etwas Dauerhaftes.” Politische und gesetzliche Maßnahmen wie beispielsweise das Verbot von Alkohol für unter 18-Jährige müssten dies ergänzen.

Der Caritasverband führt während der gesamten Aktionswoche Veranstaltungen im Haus der Katholischen Kirche durch, die sich sowohl an Erwachsene als auch an Jugendliche richten. „Wir wären sehr froh, wenn wir Brücken bauen können und Menschen sich mit uns auf ein Gespräch einlassen”, sagt Sabine Pohlner, die Fachdienstleiterin für Suchtberatung des Caritasverbands Stuttgart.

Artikel aus der Stuttgarter Zeitung
Stadtausgabe (Nr. 118)
vom Montag, den 23. Mai 2011, Seite Nr. 5


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