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Eltern sollen Wahlfreiheit haben
21.07.2011
 
Eltern sollen Wahlfreiheit haben

Bildung Die Regierung will die Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung aufheben, weil der Notendruck auf die Kinder zu hoch sei. Die Opposition fürchtet eine Verschärfung des Problems. Von Helen Müller

Die Entscheidung, welche weiterführende Schule ein Viertklässler besucht, soll in Zukunft bei den Eltern liegen. Bisher hatten Grundschullehrer dazu eine verbindliche Empfehlung ausgesprochen. Sie sollen nun „nach dreieinhalb Jahren nicht mehr Schicksal spielen müssen”, begründete der SPD-Abgeordnete Klaus Käppeler gestern die Pläne der Landesregierung. Schon im Frühjahr 2012 sollen Eltern selbst rechtsverbindlich über die schulische Laufbahn ihres Kindes entscheiden können, sagte Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD). Sie stellte gestern im Landtag ihren Gesetzentwurf dazu vor.

Die Verantwortung der Pädagogen solle damit nicht geschmälert werden, sagte die Ministerin. Schließlich werde die Empfehlung nicht ersatzlos abgeschafft, nur ihre Verbindlichkeit werde aufgehoben: „Eltern müssen sich dann nicht mehr einem Verwaltungsakt beugen.” Die wichtige Entscheidung solle von Lehrern und Eltern auf Augenhöhe gemeinsam getroffen werden.

Die SPD-Fraktion kritisierte an der bisherigen Regelung, dass durch die verbindliche Empfehlung ein „enormer Notendruck” auf die Grundschüler entstehe. Denn das Empfehlungsziel lautete auf Seiten der Eltern meist zunächst: Gymnasium. „In einem Klima der Versagensangst lernt es sich schlecht”, argwöhnte Käppeler. In den Hauptschulen sammle sich in den Augen vieler „eine Truppe von vermeintlichen Verlierern”. Die Erwachsenen setzten bei einer unerwünschten Empfehlung alles daran, sich und ihre Kinder „vom Stigma der Hauptschule” zu befreien.

Die Kultusministerin teilt die Befürchtung der FDP-Fraktion nicht, dass Eltern nach dem Wegfallen der verbindlichen Empfehlung ihre Kinder zu unbedarft auf das Gymnasium schicken könnten. Hier setze die Regierung auf die Eigenverantwortung der Bürger. Die Grünen kündigten an, die Aufklärung der Eltern ernst zu nehmen. Kinder müssten vor Zurückstufungen auf eine niedrigere Schulart geschützt werden. Die zu erwartenden höheren Übergangsquoten auf Realschulen und Gymnasien könnten durch den Rückgang der Schülerzahlen kompensiert werden. In den letzten Jahren haben diese Schulformen mehr Zuspruch erfahren, an den Hauptschulen waren die Schülerzahlen rückläufig.

Der FDP-Abgeordnete Timm Kern warf der Regierung einen „Schnellschuss” vor. Das „qualifizierte Beratungsverfahren”, das an die Stelle der verbindlichen Empfehlung treten soll, sei nur unzureichend ausgearbeitet. Zwar sei es eine „liberale Grundüberzeugung”, Kindern ein Höchstmaß an Chancen zu bieten. Allerdings nicht, wenn dann in der weiterführenden Schule „wiederkehrende Frusterfahrungen” drohten, weil Kinder überfordert seien. „Das Problem wird nur verlagert.”

Auch von Georg Wacker aus der CDU-Fraktion gab es Kritik. Die neue Regelung verschärfe die soziale Selektion nach der vierten Klasse: Bei einer freien Wahl der Schulen könnten sich vor allem Kinder aus bildungsfernen Schichten gegen das Gymnasium entscheiden. Die Neuregelung sei unnötig, weil die Empfehlung auch bisher „kein Diktat der Lehrer” gewesen sei; Eltern seien immer eingebunden worden.

Warminski-Leitheußer verteidigte ihre Pläne. Dass Grundschulkinder „auf Note lernen”, um den Erwartungen ihrer Eltern gerecht zu werden, sei nicht hinnehmbar. Zurzeit werde an einem Informationskonzept für Lehrkräfte gearbeitet. Die sollen für die Beratung der Eltern geschult werden. Zudem soll eine verbindliche Kooperation zwischen Grundschulen und weiterführenden Schulen etabliert werden. „Die Beurteilung muss über bloße Noten hinausgehen”, forderte Warminski-Leitheußer. Wie viele Lehreinstellungen an den jeweiligen weiterführenden Schularten nötig werden, sei noch nicht abzusehen. Darüber solle auf Grundlage der Übergangszahlen im Schuljahr 2012/13 entschieden werden.
Die Kultusministerin setzt auf die Eigenverantwortung der Bürger.Foto: dpa
MALIC
© 2011 Stuttgarter Zeitung
Artikel aus der Stuttgarter Zeitung
Stadtausgabe (Nr. 166)
vom Donnerstag, den 21. Juli 2011, Seite Nr. 5



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