Integration von benachteiligten Kindern, Jugendlichen und Jungerwachsenen





 
Gedanken zum Thema:

Soziale und pägagogische Diagnostik - Ganzheitliche und situative Förderung - Ein systemischer und systematischer Ansatz


Inhalt

0        Vorbemerkungen
0.1     Unsere Clearingstelle              

1        Kontraktion und Zerfall der Familienstrukturen
1.1     Familiendynamik und -kommunikation
1.1.1  Menschliche statt virtuelle Zuwendung
1.1.2  Bei den Eltern liegt die Verantwortung und geht sie hin?

2        Schule als Lern- und Lebensort
2.1     Lehrerausbildung und didaktische/ methodische Flexibilität
2.1.1  Lernen als Prozess, Ressourcen zu entdecken, zu entwickeln und zu
         entfalten
2.1.2    Die Moral vom Lernen oder lebenslanges Lernen lernen
2.1.2.1 Der Druck nimmt zu
2.1.2.2 Die PISA-Studie und die Lern- und Leistungsmotivation
 
3         Lern- und Leistungsverständnis der Eltern   
3.1      Verweigerung als Ausdruck der Resignation
3.2      Kinder- und Jugenddelinquenz
3.3      Aggression und Sehnsucht nach Geborgenheit
3.3.1   Eigene und fremde Grenzen erfahren
3.4      Soziale Kompetenzen als Schlüsselqualifikation       
3.4.1   Soziale Kompetenzen trainieren

4         Jugendarbeitslosigkeit und Qualifikationskrise

5         Unsere Clearingstelle mit wissenschaftlicher Begleitung
5.1      Start-, Erhebungs-, Auswertungs- und  Abschlussphase der      wissenschaftlichen Begleitung
5.1.1    Verwertung der Datenbasis und -ergebnisse
5.1.2   Institutionalisierung unserer Clearingstelle

6         Angebotsdesign unserer Clearingstelle

0 Vorbemerkungen

Im aktuellen sozialwissenschaftlichen Schrifttum werden düstere Prognosen für den  deutschen Lehr- und Lernbetrieb, für die Entwicklung und Zukunftsaus- sichten unserer Kinder, Jugendlichen und Jungerwachsenen entworfen. Die Zunahme der Gewalt an den Schulen und in der gesamten Gesellschaft, die offenkundige Überforderung der Lehrer, Eltern und Schulverwaltungen, den Phänomenen zunehmender „Drop-Outs“ und „Verweigerer“ einigermaßen regulierend und pädagogisch zu begegnen, finden oft in der Kapitulation einer einstweiligen oder endgültigen Abschulung von „schwierigen“ Schülern, in der Bereitstellung von Maßnahmen in Warteschleifen für eine erschreckend hohe Zahl von Ausbildungsplatzbewerbern oder in Programmen der öffentlichen Erziehung für delinquente Kinder, Jugendliche und Jungerwachsene ihren Ausdruck.

Die PISA-Studie verstärkt den Druck, der auf Schülern, Eltern, Lehrern, Schulverwaltungen und Kultuspolitikern gleichermaßen lastet. Dieser Druck, dem das gesamte Schulsystem ausgesetzt ist, wird, wie jeder Druck, der von außen auf ein System einwirkt, nach innen und nach unten an das schwächste Systemelement weitergegeben: An die Schüler und in Aufwärtsbewegungen an die Eltern, Lehrer etc. pp.

Auf allen diesen Ebenen ist gelegentlich Resignation und offene oder verdeckte Verweigerung (Dienst nach Vorschrift bei Lehrern) die Folge und dies in einer Zeit, in der zwei Hauptfragen neu kreiert zu werden scheinen: 1. Wer hat die Schuld? Und 2. Wie sieht es aus mit der Finanzierbarkeit der Folgeschäden?

Es sind diese zwei zentralen Fragen, die neuerlich den gesellschaftlichen Auffälligkeiten vorangestellt werden: Die Schulfrage und die Finanzierbarkeit. In unserer Clearing-Stelle steht statt der Schuldfrage die Frage der (Mit-) Verant- wortung im Mittelpunkt, um die Ressourcen der Kinder, Jugendlichen und Jung- erwachsenen für eine gesellschaftlich integrierte Zukunft zu entwickeln und zu orientieren.

Die Frage der Finanzierbarkeit stellt und beantwortet sich dabei als Frage der Finanzierung der Zukunft.

Die Reintegration von Schulverweigerern z.B. ist, ebenso, wie die notwendige Analyse der Verweigerungsgründe und -folgen eine dringend erforderliche Investition in und für unsere Zukunft. Diese anstehenden Investitionen können uns Aufschluss und Leitlinien aufgeben für eine längst überfällige Reform sowohl der Schulsozialarbeit als auch der Lehrerausbildung und Schulverwaltung sowie der Instrumente und Methoden der öffentlichen Erziehung und Erziehungshilfen.

Unsere im folgenden näher dargestellte Clearing-Stelle soll zum einen die Strukturen, Bedingungen und Hintergründe der wachsenden Zahl der (Schul-) Verweigerer, der Delinquenz bei Kindern und Jugendlichen, der Verrohung im zwischenmenschlichen Umgang, der Gewaltbereitschaft und des zunehmenden Vandalismus ausleuchten aber auch  den Verantwortlichen in unserem Land- kreis unterstützende Hilfen für eine effektivere Umstrukturierung und Umor- ganisation  der öffentlichen Erziehung, Bildung und Ausbildung an die Hand geben.

Auch in dem Sozialraum  unseres Landkreises beobachten wir eine Tendenz der zunehmenden Schulverweigerung von Grund- und Hauptschülern, einen wachsenden Vandalismus z.B. auf Spielplätzen und eine verstärkte Gewaltbe- reitschaft bei Kindern, Jugendlichen und Jungerwachsenen.

Alarmierend scheint auch, dass Schulverweigerer z.B. mehr und mehr auch den Familien der Mittelschicht und der Oberschicht (Ausstiegs-/ Resignationssymp- tome)  entstammen.  Es bedarf einer gründlichen Analyse und einer intensiven Begleitung der Familien in unserem Sozialraum, um diesen Tendenzen entge- genzutreten.

Das Beispiel Erfurt soll hier in späteren Fußnoten nur als Signal bemüht werden, um die offensichtliche Unzufriedenheit  und Resignation der Generation aufzu- zeigen, die Zukunft zu gestalten hat.

Verweigerung ist kein regionales, nationales oder europäisches Phänomen. Es ist ein globales Phänomen besonders der Industrienationen der nordwestlichen  Hemisphäre unserer Erde. Es sind aber auch Symptome der Überforderung, Tendenzen, sich dem Leistungsdruck zu entziehen, Reklamationen von Defiziten und von Wünschen nach Geborgenheit und Autonomie, die oft in umgekehrten Verhaltensäußerungen abgebildet werden.

Hierzulande versteht z.B. kaum ein Schüler die Schule als Recht, als Privileg, als Chance. Schule pervertiert hierzulande eher als notwendige Pflicht.

Im Rahmen unserer geplanten Clearing-Stelle gilt es auch, die Tauglichkeit der derzeitigen Lehrerausbildung, die Ergebnisse der Kultusministerkonferenzen bzgl. reformbedürftiger Curricular, Methoden und der didaktischen Aufbereitung des anstehenden Unterrichtsstoffs, aber auch die Möglichkeiten und Grenzen der Lehrer-Autonomie und der Flexibilität der regionalen Schulverwaltung zu überdenken und Impulse für eine Schule zu geben, in der die Schüler und Lehrer innovativ motiviert werden können.
        
Wo Schule, wie Humboldt ausführte, zur reinen Lernmanufaktur verkümmert und wie  Hodgkins schon 1632 erinnerte, Schüler zu angepassten Seelen an gegenwärtige Verhältnisse konditioniert werden, wo sich Schüler in einem Machtverhältnis zwischen Eltern, Lehrern und Schulverwaltung entmündigt fühlen, wo die Institution Schule soziale Rollen zuweist, Familienersatz vorspie- gelt, der für den Schüler in der erlebten Familienatmosphäre gar nicht oder nur verzerrt abgebildet wird, wie E. Riemer schreibt, ist wirkliches Lernen für den Schüler nicht oder nur bei zusätzlichen Hilfen möglich; dort hat Zukunft wenig Raum und Gegenwart kaum eine Entwicklungschance.

Kinder und Jugendliche aber sind Zukunft und Seismographen gegenwärtiger gesellschaftlicher Verhältnisse. Sie halten uns den Spiegel vor und prüfen die ihnen von uns vermittelten Werte von Sinn und Moral.

In unserer Clearingstelle haben wir insbesondere auch den Lern-, Lebens- und Leistungsort Schule, die Modularien und Sanktionsmuster der Schulverwaltung als wirksame oder indifferente Möglichkeiten und Grenzen der Integration und Reintegration von lernungewohnten Kindern und Jugendlichen zu analysieren und die Ergebnisse zu präsentieren.

In unserer Clearingstelle arbeiten wir an den vier Schnittstellen:

Stammesfamilie-Kindergarten, Kindergarten-Schule, Schule-Ausbildung, Ausbildung-Beruf

Dem Elternhaus und den dortigen Mustern der Fürsorge sowie der Heranführung an Lern- und Leistungsaufgaben gilt unser besonderes Interesse. Im Rahmen unserer Clearingstelle ist gerade die Arbeit mit den Eltern Ausgangslage unserer Reintegrationsbemühungen von Benachteiligten. 

Unsere Erfahrungen zeigen, dass beispielsweise Schulverweigerer besonders in Elternhäusern „produziert“ werden, in denen Erfahrungen von fehlenden Erziehungsrollen (meist Väter) und Arbeitslosigkeit von allein erziehenden Müttern die Vermittlung von Lern- und Leistungswerten bei den Kindern und Eltern(teilen) enorme Hilfestellungen bedürfen.

Die Situation auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt etwa fordert zunehmend fachpraktische, soziale und theoretische Kompetenzerweiterungen und differenzierte Qualifikationsprofile von den Ausbildungs- und Arbeitsplatzbe- werbern gleichermaßen. Der sichtbare Verdrängungswettbewerb führt mehr und mehr zur Ausgliederung derer, die die hohen vorberuflichen und beruf- lichen Standards nicht, noch nicht oder nicht ausreichend erfüllen. Damit polarisieren sich die Qualifikationsressourcen und in der Folge bleiben schulisch und sozial benachteiligte Jugendliche und Jungerwachsene  oft dauerhaft auf der Strecke.

Der Mittelbau wird fortschreitend durch Technologieinnovationen aus den traditionellen Systemen freigesetzt und die entstehende „Facharbeiterlücke“ mit jenen ‘Hoch’- oder ‘Höherbegabten’ geschlossen, die in der Produktionswirt- schaft Berufsrollen im Bereich des technischen Managements, der Planung, Kontrolle und Steuerung von Arbeitsabläufen übernehmen. Zudem gerät das „Duale System“ um so mehr unter Druck, als hoch motivierte und von der Qualifikationsbreite her gut ausgebildete Arbeitnehmer aus Osteuropa insbesondere in der Klein- und Mittelindustrie mit hohen Verwertungschancen den innovationsbedingten Verdrängungswettbewerb verstärken.

So sind drei Hauptdimensionen der Qualifikationskrise erkennbar: Die -kurzzeitig- verwertungsorientierte Differenzierung der Facharbeiterqualifi- kation, der internationale Wettbewerb und die europäische Anpassung an die Lern-, Leistungs- und Sicherungssysteme.

In dieser historischen Gleichzeitigkeit ist zudem vor allem auch eine dringend notwendige Reform des vorschulischen Bildungssystems (Schnittstelle Elternhaus-systematische Eingliederung der Kinder in die Lernstrukturen) zu bewältigen.

Gerade die systemische und systematische Förderung der Familien an dieser ersten und für die weitere Entwicklung der Kinder äußerst wesentlichen Schnitt- stelle, erspart auf lange Sicht erhebliche Folgekosten und kann aus dem allge- meinen Dilemma herausführen.

Integrationsarbeit muss auch heißen, mit den Absolventen der Haupt- und Realschulen die immer wieder beklagte Facharbeiterlücke in unserem Lande zu schließen und die frühzeitige und rechtzeitige soziale, schulische und berufliche Förderung des Mittelbaus unserer Gesellschaft mit Hochdruck zu beginnen.

Ausbildung und Arbeit sind die entscheidenden Weichenstellungen für ein gesell- schaftlich integriertes Leben und für das Gemeinwesen die brauchbarsten Vor- aussetzungen für eine wirtschaftliche und soziale Stabilität. 

Einige Bemerkungen zur Besetzung unserer Clearingstelle:

Unsere Clearingstelle soll besetzt werden mit einem einschlägig ausgewiesenen Sozialwissenschaftler und Praktiker der (Re-) Integrationsförderung von Kindern, Jugendlichen und Jungerwachsenen.

Als Werkzeugmacher und Leiter von Qualifizierungsprojekten für schulisch und sozial Benachteiligte verfügt er über eine breite Erfahrungsbasis der Reintegra- tionsarbeit.

In seinen Forschungstätigkeiten u.a. beim Bibb beschäftigte er sich besonders mit den Themenkomplexen der beruflichen und sozialen Integration von Benachteiligten.

Gegenwärtig arbeitet er als Familienhelfer im Sozialpädagogischen Forum. Über 10 Jahre arbeitete er verschiedenen regionalen bundesweiten Fachausschüssen an der Fragestellung: „Migration, multikulturelle Integration, Qualifikations- forschung und Chancenzuteilungen für Benachteiligte“.

Bei der Handelskammer Hamburg war über 10 Jahre in verschiedenen Prüfungs- und Aufgabenausschüssen tätig.


1 Kontraktion und Zerfall der Familienstrukturen

Sprunghaft ansteigende Zahlen von Ehescheidungen, Rechtsstreitigkeiten um die elterliche Sorge, die oft weit an der eigentlichen Hauptfrage des Kindes- wohls vorbeigehen, wechselnde „Lebensabschnittspartner“, gleichgeschlecht- liche Ehen, Partner auf Zeit, sind nur einige Familienarchitekturen, in denen sich Kinder nicht immer so gut zurechtfinden, wie manche Autoren des postmoder- nen sozialpsychologischen Schrifttums es glauben machen möchten.

Es bedarf wohl einer längerfristigen Beobachtung der Kinder, die in den genannten Strukturen aufwachsen, um rechtzeitig mögliche Spätfolgen erkennen zu können und bei pathologischen Verhaltensauffälligkeiten von betroffenen Kindern und Eltern auch notwendige therapeutische Modelle zu entwickeln und der Praxis zugänglich zu machen.

Gesichert scheint indes, dass Kinder Orientierungs- und Motivationsverluste erleiden, wo das Gefüge von Sicherheit und Geborgenheit für eine schadlose Entwicklung der kindlichen Ressourcen durch wechselnde Rollen und eine erlebte Diskontinuität fehlen, wo Kinder und Jugendliche oft Wege des Protests und der Verweigerung gehen, auf denen sie ihren Mangel und ihre Defizite ausdrücken.

Andererseits halten die Kinder, die sich schwer in normative Regularien  integrieren lassen, der Erwachsenenwelt den Spiegel der als rechtsgültig akzeptierten Normen vor.

Die Erwachsenen haben nach- und für die Zukunft unserer Kinder vorzudenken, um ihnen Sicherheit ihrer Entwicklung zu sein.

Der Korrelationszusammenhang zwischen dem erhöhten Aufkommen von ADHS und dem Rollenverlust in der Erziehung der Kinder ist sozialwissenschaftlich völlig ungeklärt. Sozialpsychologische Hypothesen, die das verstärkte Aufkom- men von ADHS in einem väterlichen oder mütterlichen Rollendefizit im Erzie- hungskontext zu analysieren suchen, werden künftig näher zu beleuchten sein, um Aufschluss über das künftige Ausmaß von Verweigerungshaltungen und -ursachen  bei Kindern, Jugendlichen und Jungerwachsenen gewinnen zu können.

In unserer Clearingstelle sollen gerade auch die Fragen dieser möglichen Verweigerungsursachen und -folgen im Rahmen einer fundierten wissenschaftli- chen Begleitung geklärt und den betroffenen Kindern und Eltern(-teilen) adäquate Hilfen angeboten werden.


1.1 Familiendynamik und -kommunikation

Kinder scheinen gegenwärtig in allen Statusschichten unserer Gesellschaft eher ein Risikofaktor als eine Bereicherung zu sein. Der Umgang mit diesem „Risikofaktor Kind“ allerdings, stellt in kaum einer Statusschicht die verant- wortliche Frage nach dem Zusammenhang von Kindern und Zukunft. So ist die Freude über den Nachwuchs zunächst euphorisch groß, die dann aber nicht selten auf der Suche nach der Entfaltung der eigenen Ressourcen rasch die staatliche Fürsorge bemüht.

Oft wird das elterliche bzw. das elternteilrechtliche Recht auf allen Ebenen bzgl. der Kindesentwicklung in die staatliche Pflicht verlegt, die teilelterliche Sorge abgegeben an Tagesmütter, Kinderhorte, Kindertagesheime, Vorschuleinrich- tungen, Internate, Schulen, Berufsschulen und Ausbildungsbetriebe.

Dass hier nicht ausgeglichen oder kompensiert werden kann, was in den sog. Stammesfamilien versäumt oder vernachlässigt worden ist, muss den Eltern bzw. Elternteilen zur Einsicht geraten oder gebracht werden.

Über Umschichtungen und Neuausrichtungen der sozialpolitischen Prioritäten und Umstrukturierungen der öffentlichen Erziehung können auch in unserem Landkreis die unterstützenden Mittel für eine Clearingstelle bereitgestellt und diese dringend anstehenden Zukunftsfragen einer effektiveren Familien- und Jugendpolitik neu geordnet werden.

Angesichts der erheblichen Erziehungsdefizite in Familien aller Statusschichten und eines sich abzeichnenden Struktur- und Wertewandels in deutschen Familien, müssen die Folgen der Defizite im Rahmen einer pädagogischen Diagnostik und Begleitung möglichst frühzeitig gemildert werden, um sehr viel kostenträchtigeren Spätfolgen schon jetzt zu begegnen.

Kinder und Jugendliche wieder in die Lern- und Leistungssysteme zurückzuho- len, erfordert gleichfalls eine sensible, wie auch langfristige Untersuchung der Absentismus-Gründe und der systemischen Rahmenbedingungen der „Verweigerer“.

Mit rechtlichen Interventionen und Sanktionen  wird es nicht gelingen, eine Veränderung der Motivationslage im Sinne einer Reintegration zu erwirken. Es darf weder originäre Aufgabe der Ordnungsbehörden werden, Schulverweigerer z.B. mit dem Einsatzwagen dem Lernort Schule zuzuführen, noch scheinen Abschulungen geeignete Sanktionen zu sein, dem sich ausbreitenden Phänomen des Absentismus entgegenzutreten.


1.1.1 Menschliche statt virtuelle Zuwendungen

Die Kinderzimmer haben sich in der letzten Dekade deutlich verändert. Die Spiele- Konsole als Basisstation fehlt in kaum einem Kinderzimmer, gleich, wie hoch das verfügbare Einkommen der Eltern ist. Die Annahme, dass mit der Bereitstellung der Play-Stations der Umgang mit dem Computer ermöglicht oder erleichtert wird, haben einschlägige Untersuchen vollständig widerlegt.

Mehr noch, es hat sich folgenschwer gezeigt, dass Kinder auf der Play-Station ihre  Kommunikationsdefizite lediglich virtuell be- und verarbeiten. Auf diesem Wege leben die Kinder dann in der spannungsreichen Konfliktsituation zwischen Virtualität und Wirklichkeit, die sie immer häufiger in ihre Spiele fliehen lässt.

Es fehlt an Konstanz und Kontinuität, an Ausgewogenheit und Abwechslung bei den Spielangeboten, es fehlt an Bewegung, an der Ausbildung der Grob- und Feinmotorik und an der Anregung und Förderung der eigenen Kreativität.

Auch dies sind keineswegs Auffälligkeiten, die vorwiegend bei Kindern aus der Unterschicht zu beobachten sind.

Überernährung, Haltungsschäden und Reizüberflutungen bei Kindern und Jugendlichen deuten gegenwärtige und künftige pädagogische, psychologische und medizinische Aufgaben an.

Mit zunehmender Virtualisierung der Kinderzimmer nehmen die Eltern(teil-) -Dialoge ab. Die so verarmten und überforderten Kinderseelen haben beträcht- liche Schwierigkeiten, konzentriert einer Aufgabe oder etwa dem Unterrichts- stoff in der Schule zu folgen und den Lehrer als Lebens(mit-)-Begleiter zu akzeptieren.

In unserem Projekt gilt es daher vorrangig, die Eltern in den Prozess der Reintegration ihrer Kinder verstärkt einzubeziehen.


1.1.2 Bei den Eltern liegt die Verantwortung und wo geht sie hin?

Der Ruf nach mehr Verstaatlichung der vorschulischen und schulischen Erziehung ist besonders in Zeiten eskalierender Prozesse in den Entwicklungs- verläufen der Kinder, Jugendlichen und Jungerwachsenen kaum überhörbar.

Die gleichzeitige Ohnmacht, staatlich derart zu regulieren, dass etwa eine deutliche Abnahme der Gewalt- und Gewaltbereitschaft an den Schulen erfolgt, ist andererseits auch nicht zu übersehen.

Nach dem „Erfurter Drama“ wurde posthum die Verschärfung des Waffenge- setzes laut, aber dünn waren die Stimmen, die da fragten, wer oder was mag derart auf den Jungen eingewirkt haben,  dass er Lehrer, Mitschüler und sich selbst hinrichtete? Der Junge als Täter und Opfer zugleich?!

Solcherlei Fragen haben wir uns eher zu stellen, als die Schuldigen als solche zu definieren und zu sanktionieren. Letzteres ist viel zu einfach aber auch zu wirkungslos, um die Komplexität von Verhaltensmustern der zunehmenden Gewaltbereitschaft auch nur im Ansatz begreifen und dagegen mit pädago- gischern Mitteln intervenieren zu können.

Auch hier steht in erster und letzter Konsequenz die Frage nach der Verant- wortung über der Frage nach der Schuld.

Bei den Familienhilfen in unserem Sozialpädagogischen Forum wird uns meist sehr früh schon deutlich, in welche Richtungen Kinder und Jugendliche gehen, die „Zuhause“ allein gelassen werden und bei denen sich zusätzlich der schulische Leistungsdruck erhöht: Pathologien von Dekompensationen und Eskalationen sind nicht seltene Folgen.

Weil wir in unserer Einrichtung und in unseren Berufsrollen auch als soziale Seismographen wirken, wäre bei uns eine Clearingstelle besonders sinnvoll angesiedelt, zumal über eine solche zentrale Anlaufstelle eine intensive Eltern- und Familienarbeit am effektivsten möglich ist.

In unserem Netzwerk können wir bei akuten Fällen neben anderen diagnos- tischen und sozialtherapeutischen Angeboten auch eine vorläufige Inobhutnahme und konkrete sozialpädagogische Familienhilfen anbieten.


2. Schule als Lern- und Lebensort

In ihren entscheidendsten Entwicklungsjahren verbringen Kinder und Jugend- liche die überwiegende Zeit in der Schule oder in vorschulischen Erziehungs- einrichtungen. Im Rahmen der vorschulischen Erziehung sind Kindergärten, Kindertagesstätten, Vorschulkindergärten oder Horte die Lern- und Lebensorte der Kinder. Im Kleinstkindalter werden Kinder oft bei Tagesmüttern oder gele- gentlich auch -vätern untergebracht.

Das Motiv der Tageseltern ist vielschichtig. Meist allerdings sind es vorrangig ökonomische, weniger pädagogische Interessen der Tageseltern an ihren Tageskindern.

Dies wird von vielen Elternteilen, die ihre Kinder den Tageseltern überlassen, oft und gern übersehen. Ein Tabu-Thema.

Die wenigste Zeit verbringen die Kinder in den Stammesfamilien bzw. bei den Eltern(teilen).

Allen Erziehungsinstituten, insbesondere den Schulen, kommt damit eine sehr wesentliche Rolle nicht nur als Lern-, sondern vor allem als Lebensort der Kinder zu. 

Der Lern- und Lebensort Schule ist die Haupteinflussgröße als Superkategorie in der Begleitung der Entwicklung der Kinder, Jugendlichen und Jungerwachsenen.

Der Institution Schule kommt aber auch als wesentliches Systemelement gesellschaftlicher Erziehung die Aufgabe der körperlichen, geistigen, seelischen, sittlichen und spirituellen Entwicklung der Kinder und Jugendlichen zu.

Die Schule hat daher auch auf strukturelle Veränderungen und Verschiebungen in den Rollenmustern der Familien, sowie auf Normen- und Wertewandlungen adäquat zu reagieren.  Eine sicher nicht leicht zu bewältigende Aufgabe.

Lernerfolg und Leistungsbereitschaft bei Kindern Jugendlichen und Jungerwach- senen hängen wesentlich von den Strukturen der Schulen ab.

In Klein- und Kleinstschulen sind Lern- und Leistungserfolge deutlich größer als in großen Schulzentren und „Lernfabriken“. Zudem ist die soziale Kontrolle und die Übernahme von Verantwortung für „den anderen“ in Klein- und Kleins- tschulen erheblich erfolgreicher.

Familienersatzatmosphären, die zunehmend von Schülern reklamiert werden, sind in kleineren Schuleinheiten am ehesten möglich.

Natürlich ist der Schulbetrieb mit diesen  Bedürfnisstrukturen überfordert, zumal die Curricular und das stoffliche Angebotsdesign der Schulen in der Regel erst dann reaktiv und lediglich symptomkorrigierend an veränderte gesell- schaftliche Verhältnisse angepasst werden, wenn sich neue gesellschaftliche Verhältnisse und Strukturen (auch in den Familien) schon längst als verrecht- lichter Überbau stabilisiert haben.

Leider sind auch Instrumente, wie die Kultusministerkonferenz (KMK) nur wenig geeignet, die Effektivität der Schule als Lern- und Lebensort voranzutreiben. Leider sind auch die Experimente bezüglich der Schulformen zu sehr ideolo- gisch, konfessionell oder gar parteipolitisch überlagert, sodass das Kindeswohl in der schulischen Entwicklung dabei stets aus dem Focus gerät.

Schließlich ist in den letzten Jahren eine deutliche Tendenz zum Selektions-, Auslese- und Elitedenken mit zunehmender Berücksichtigung der Hochbegab- tenförderung zu beobachten.  Die Integration der Kinder, Jugendlichen und Jungerwachsenen in ein Schulsystem, das neben den kognitiven Lernfragen auch Lebensfragen berücksichtigt und behandelt, scheint mehr und mehr aufgegeben zu werden.

Bemerkenswert bleibt, dass Schüler nichtdeutscher Familien eine deutlich höhere Lern- und Leistungsbereitschaft zeigen, als deutsche Kinder, Jugendliche und Jungerwachsene. Gleichzeitig ist dabei nicht zu übersehen, dass in vielen nichtdeutschen Familien die Erziehung in stabileren und konstanteren Rollen- strukturen und Regelwerken verläuft. Das lässt vor allem auch die Notwen- digkeit der Elternarbeit in unserer Clearingstelle erkennen.


2.1 Lehrerausbildung und didaktische/ methodische Flexibilität

Selbst die Berufsverbände des Lehr- und Erziehungspersonals haben es in vielen Jahrzehnten nicht vermocht, brauchbare Reformmodelle der Schule und Lehrerausbildung zu entwerfen. Es ist nicht nur der Beamtenstatus, der die notwendigen Reformen der Bildungspolitik und der Lehrerausbildung blockiert.

Es sind vor allem Ratlosigkeit und verwaltete Resignation gegenüber einem teils undurchsichtigen und uneinsichtigen Administrationsapparat, der sich in seinen Leitlinien und Verordnungen zu oft an Traditionen des vorletzten Jahrhunderts orientiert und gebunden zu fühlen scheint.

Der einzelne Lehrer bleibt in diesem verworrenen Geflecht der Administration unflexibel, wenig experimentierfreudig und eigeninitiativ und damit ohne wirkliche pädagogische Autonomie. Nach einer Freiburger Studie gehen 30% der Lehrer aus Krankheitsgründen vorzeitig in den Ruhestand und 20% der Lehrer bräuchten, so die Studie, eine psychiatrische Behandlung.

Das ergibt ein erschreckend babylonisches Bild unseres gesamten Schulsystems: Kranke Schulen mit kranken Lehrern und überforderten Schülern?

Die Starrheit unseres Bildungs- und Erziehungssystems muß dynamisiert werden mit einer längst überfälligen und flächendeckenden Generalreform. 

Der Anforderungsdruck an unseren Schulen führt aber auch in zunehmendem Maße  dazu,  dass der einzelne Lehrer in einer Vorsichts- und Schonhaltung eher seinen Dienst nach Vorschrift versieht, als sich in Konfliktsituationen als Anwalt und pädagogischer Begleiter der Schüler zu begreifen.

Hier entsteht ein äußerst problematischer Berufsopportunismus, der das Schulsystem mehr und mehr erstarren und versteinern lässt.

Eine Durchmischung mit Fachlehrern aus der Praxis könnte diese Starrheit durchbrechen und das System dynamisieren helfen.

Eines der größten Probleme ist die Lehrerausbildung selbst. Wenn der Lehrer als Referendar mit seinem eigentlichen Berufsbild konfrontiert wird, ist seine Ausbildung weitgehend abgeschlossen.

In der Phase dieser Praxisberührung haben in Zeiten wirtschaftlicher Hochkon- junktur viele Lehramtsabsolventen in andere Berufsfelder gewechselt. In der gegenwärtigen Zeit der anhaltenden Rezession nimmt dieser Trend naturgemäß ab und damit die Überforderung vieler Lehrer im praktischen pädagogischen Kontext deutlich zu.

Dies ist nicht gerade die beste Voraussetzung, gleichwohl aber größte Notwen- digkeit für eine Neuordnung der Institution Schule als Lern-, Leistungs- und vor allem als Lebensort für unsere nachwachsenden Generationen.

Um so mehr werden wir in unserer Clearingstelle mit Lehrern, Schulverwaltun- gen und -behörden kooperieren und unsere fachlichen Hilfen anbieten.


2.1.1 Lernen als Prozess, Ressourcen zu  entdecken, zu entwickeln und zu entfalten

Die Dreigliedrigkeit unseres Schulsystems folgt als äußerst unbewegliches Konstrukt der Philosophie der Bildungs- und Privilegienverteilung sowie der streng tarifierten Selektion in unserem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem.

Für viele Bildungsexperten aus skandinavischen Ländern ist gerade diese frühe Selektion in unserem Bildungssystem der Grund für den unterdurchschnittlichen Leistungsstand unseres Schulwesens.

Dennoch ist es  immerhin gelungen, die berufliche Bildung in ihrer Dualität von Theorie und Praxis an den beiden unabhängigen Lernorten Berufsschule und Betrieb zu belassen.

Andererseits liegt aber auch eine sprudelnde Quelle der Schulverweigerung in dem Dilemma, dass Jugendlichen bis 18 Jahre, die zwar noch der Schulpflicht unterliegen, aber keinen Ausbildungsplatz erhalten konnten, kaum sinnvolle arbeits- oder berufsorientierende Maßnahmen (konkrete Ausbildungsmodule) angeboten werden.

In der aktuellen Zeit der wiederholten Ausbildungsplatzmisere etwa, werden hier differenzierte Angebote einer sinnvollen Integration und Versorgung der Schüler notwendig, um nicht eine Hunderttausendschaft junger Menschen über Warteschleifen in die Orientierungslosigkeit und letztlich in die Sozialhilfe zu entlassen.

Hier besteht ein erheblicher Handlungsbedarf, den wir in unserer Clearingstelle durch entsprechende und konkrete Hilfsangebote für die betroffene Klientel berücksichtigen werden.

Unsere vorrangige Aufgabe bleibt es, Kindern, Jugendlichen und Jungerwach- senen über konkrete Hilfsangebote angemessen bei der Entdeckung, Entwick- lung und Entfaltung ihrer Ressourcen und Neigungen  zu unterstützen und sie auch in die Lern- und Leistungssysteme als Teil der Lebenssysteme zu inte- grieren oder zurückzuholen.

Es kann wohl kaum eine höhere politische Priorität geben, als bereits in der Gegenwart eine stabile Zukunft über die Förderung von Kindern, Jugendlichen und Jungerwachsenen vorzubereiten und langfristig zu sichern.


2.1.2 Die Moral des Lernens oder lebenslanges Lernen lernen

„Lernen ist wie Rudern gegen den Strom, sobald wir aufhören, treiben wir zurück“, schrieb L. Tolstoi sehr treffend. Lernen ist immer und überall, ein ganzes Leben lang Begleiter und Motor unserer Entwicklung. Von der nicht bewusst erinnerbaren Geburt bis zum Tod ist das Lernen stets gegenwärtig. Kein Tag gleicht dem anderen, jeder Schritt bedarf neuer Vorüberlegungen und Ideen von Gestaltungen, bevor er gegangen wird. Unser Handeln wird zunächst in unserem Kopf vorweggenommen.

Dieser Prozess wird abgespiegelt an den Moralgesetzen, die wir gelernt und die sich bewährt haben, er wird ausgerichtet an dem Leben von Vorbildern. Aus der Akzeptanz oder Ablehnung von Moralgesetzen und Vorbildern entwickeln Kinder und Jugendliche ihre eigene Autonomie und Persönlichkeit.

Wir als Erwachsene haben uns die Frage zu stellen, ob wir unseren nachwach- senden Generationen ausreichende und umfassende Vorbilder sind und ob Familien in der Struktur: Vater, Mutter, Kind(er), in Zukunft eher als Relikt prähistorischer Zeiten erinnert werden müssen.

Auf dem Prüfstand stehen die Moralpostulate und -wirklichkeiten in Familien und Ehen.

Treue, Liebe, Partnerschaft, Verantwortung, Sexualität, Erziehung, Glauben und Spiritualität sind weite Begriffsfelder, auf denen Kinder, Jugendliche und Jungerwachsene Richtungen und Standorte finden wollen und müssen. 

Fragen aus den o.a. Themenkomplexen und Lebenszusammenhängen werden uns am häufigsten von Kindern, Jugendlichen und Jungerwachsenen gestellt.

Nach dem kategorischen Imperativ von I. Kant ist ein allumfassendes Sittengesetz ein Rahmen, in dem die Maxime des eigenen Handelns immer, überall und für jeden Menschen ihre Gültigkeit behalten und jedem gegenwär- tigen und künftigen Menschen als Basis der Moral und des Verhaltens dient.

Hält unsere angestammte Rolle als erwachsene Vorbilder diesem Gesetz stand? Dürfen wir erwarten, dass wir von den kommenden Generationen würdig, re- spektvoll und wertschätzend behandelt werden, oder müssen wir eher in Sorge sein um die Zukunft?

Zumindest haben wir zu erwarten, dass uns diesbezüglich die später erwachsen gewordenen Kinder so behandeln, wie wir sie erzogen und begleitet haben.

Die zunehmende Sorge um die Unversehrtheit materieller Güter ist derzeit eher zu beobachten, als das Bemühen um die positive Entwicklung unserer Kinder, Jugendlichen und Jungerwachsenen.

In der Versicherung gegen ungewollte Schwangerschaften und gegen Kinder mit Behinderungen treiben solcherlei materielle Reduktionen des menschlichen Lebens pervertierende Blüten.

Material hat keinen moralischen Wert, auch dann nicht, wenn es in aufwändiger Arbeit zum Fetisch oder Prestige gewachsen ist. Wir dürfen sicher sein, dass, anders als die Moral, die wir den kommenden Generationen vorleben, jegliches Material vergänglich bleiben wird. Was wir indes und vielleicht unbewusst vermitteln, sind zur Hauptsache die Werte, der Sinn, die Fähigkeit, Glauben zu können, Illusionen, Visionen und Utopien haben zu dürfen. Das ist der Motor, der die Gesellschaft sehr wesentlich vorantreibt. Diese Potenziale der menschlichen Kreativität und Spiritualität, der Fähigkeit zur Fürsorge und der sozialen Kompetenzen sind es, die Kinder, Jugendliche und Jungerwachsene als Schutz, Fundament und Orientierung internalisieren. Wären diese Maxime bei dem Erfurter Jungen ausgeprägter gewesen, es hätte diese Eskalation möglicherweise nicht gegeben.

Unsere Gesellschaft verarmt und verroht mehr und mehr zu einer Materialge- sellschaft und wir erschrecken vor den Exzessen und Eskalationen. Global und oberflächlich betrachtet leben wir in einer multikulturellen Gesellschaft, etwas genauer betrachtet aber eher in einem zentristischen deutsch-preußischen Gebilde, das mehr von der einheitlichen europäischen Währung her vereinigt ist, als von dem Bestreben, die Nationalstaaten Europas tatsächlich kulturell, sozial und politisch einigen zu wollen.

Zwischen den erwarteten Anforderungen und den vorhandenen Kompetenzen scheint die Balance gestört und bedarf auch einer Inventur der Sichtweise von Integration, die sich auf dem Wege globaler Konkurrenz zu bewähren hat.

Unter diesem Anpassungskonflikt wachsen die sog. „Drop-Out-Quoten“ immer sichtbarer nach oben, d.h., dass mittlerweile selbst Hauptschüler mit einem durchschnittlichen Abschluss aber auch Realschüler zunehmend als Benach- teiligte auf der Strecke bleiben. Ohne Starthilfen und Begleitungen versickern junge Schicksale oft in Warteschleifen der Förderungsversuche und werden auf diesem Wege schon im Zenit ihrer Persönlichkeitsentwicklung mit einem Leben als Sozialhilfeempfänger konfrontiert.

Eine rechtzeitige und vor allem den gesamten Sozialisationsrahmen systemisch und systematisch berücksichtigende  Begleitung der Kinder, Jugendlichen und Jungerwachsenen kann diesen Selektionsmechanismus abfedern und eine in- dividuelle Förderung in eine selbstbestimmte, kritische und gesellschaftlich integrierte Existenz der jungen Menschen einleiten. Auf die Sozialarbeit kommen dabei neue und nicht gerade einfache Aufgaben zu.

Die ganzheitliche Förderung unter besonderer Würdigung der Bedürfnis- und Soziallage der Klientel zeigt mehr als zuvor den Weg in eine orientierende Richtung. Eine wirkliche sozialräumliche Förderung scheint derzeit notwendiger denn je zu sein.

Unter dem Anforderungsdruck haben sich bei vielen Kindern, Jugendlichen und Jungerwachsenen Symptome von Hyperaktivität und ADHS herausgebildet. Gesicherte sozialmedizinische Zusammenhänge des Konflikts zwischen einer sprunghaften Zunahme der Anforderungen einerseits und den vorhandenen Ressourcen, individuellen Kompetenzen und Bedürfnissen andererseits, werden oft mit dem Griff nach Psychopharmaka (Ritalin) beantwortet; als Ohnmacht, mit den veränderten Bedingungen von Anforderungen und Kompetenz reflek- tierend und mit den Betroffenen fördernd umzugehen.

Die Institution Schule ist oft mit ihrer tradierten Didaktik und Methodik überfor- dert und scheint ihren Platz als Lern- und Lebensort mehr und mehr zu ver- lassen. Die PISA-Studie  verstärkt den Konkurrenz- und Leistungsdruck bei Lehrern, Schülern und Eltern gleichermaßen.

Die politisch postulierten Auswege sind durchweg dürftig. Der Lernort Schule verkümmert mehr und mehr in dem Versuch, sich als Leistungsanstalt für das Arbeitssystem zu präsentieren und selbst in Kindergärten werden zunehmend funktionale Qualifikationen abgefordert, ohne das Personal in bildungspoliti- schen Reformen auf die erweiterten Aufgabenfelder ausreichend vorzubereiten.

Folgerichtig wächst die Zahl der benachteiligten Kinder, Jugendlichen und Jung- erwachsenen. Besonders die Sozialarbeit, die traditionell flexibel und innovativ unter Beibehaltung der Förderung ihrer wachsenden Klientel auf neue Impulse zu reagieren verstanden hat, ist in der gegenwärtigen gesamtgesellschaftlichen Situation herausgefordert, zeitgemäße Konzepte der Integration von Benachtei- ligten vorzulegen.

Die Sozialarbeit wird zunehmend zur Auffang- und Anlaufstation für „Drop- Outs“, um bei den „Fragenden“ Ressourcen zu wecken und sie orientierend zu begleiten auf dem Weg in eine selbstbestimmte  Existenz. In unserer Clearing- stelle steht diese Aufgabe im Mittelpunkt unseres beruflichen Handelns.

Was Ausbildungsbetrieb, Schule, Elternhaus, Jugendämter und Kindergärten an integrierenden Sozialisationen nicht oder nur unzureichend zu leisten vermocht- en, wird zunehmend in der Sozialarbeit bewegt werden müssen.

Eine Clearingstelle als Anlaufstation für Eltern, Kinder, Lehrer und Verantwort- liche der öffentlichen Erziehung betrachten wir als Ausgangslage  für weitere Förderungen in verfügbaren Angebotsmodulen.

Vielen Jugendlichen, Kindern und Jungerwachsenen ist ein Zuhause als behü- tender Ort fremd geworden oder geblieben. Die Ursachen sind vielseitig. Es geht an dieser Stelle nicht darum, die Ursachen zu ergründen oder Schuld zuzuweisen, sondern darum,  den Kindern und Jugendlichen zu helfen, präsent zu sein in einer von ihnen empfundenen konkreten Krisensituation, sie anzu- nehmen, wo und wie sie sind und in Folgeschritten das mögliche institutionelle Spektrum für weitere Förderungen in den Biographieverlauf einzubeziehen.

Es geht auch nicht darum,  Verhaltensauffälligkeiten der Jugendlichen und Kinder in unserem Sozialraum zu bewerten oder Schuld zuzuweisen. Stigmatisierung führt oft zur endgültigen Verweigerung und lässt keinen Raum mehr für Begegnungen und individuelle pädagogische Begleitung.

Unser ganzheitlicher Ansatz erweitert das pädagogische Handlungsspektrum deutlich über die Grenzen sozialpsychologischer Diagnostik hinausgehender Maßnahmen gerade durch die Reflektion gesamtgesellschaftlicher, regionaler und sozialräumlicher Analysen. Gerade aus diesem Focus heraus werden uns nicht nur die sozialökonomischen, familialen und urbanen Produktionsgesetze, die Benachteiligungen herausbilden, sondern zugleich auch die Mittel und Wege der individuellen Förderung der Klientel deutlicher.

Mit diesem reflektierenden, systemischen und systematischen Ansatz hat die Arbeit in unserem Sozialpädagogischen Forum nachhaltige Erfolge erzielt. Voraussetzung dafür bleibt eine entromantisierte Leidenschaft, den „Drop-  Outs“, den Menschen „draußen vor der Tür“, die Tür zu öffnen, ihnen zuzu- hören, sie besonders in Zeiten tiefster Krisen zu begleiten und ihnen behilflich zu sein bei der Herausbildung selbständiger, kritischer und integrierter Persön- lichkeiten.

Durchgängige methodische Instrumentarien sind dabei kaum  möglich. Produktionsgesetze von Benachteiligungen haben eine immanente aber keine empirische oder wissenschaftlich-theoretische Logik. Sie sind und haben aber eine Geschichte, die sich oft äußert in dem Konflikt  zwischen Macht und Ohn- macht, zwischen  Sehnsucht nach Zuwendung und den Erfahrungen, vor der Tür stehen zu müssen, zwischen Angst und Hoffnung, zwischen Resignation und Gewaltbereitschaft.


2.1.2.1 Der Druck nimmt zu

Insbesondere für Jugendliche im Ausbildungsalter nimmt der Selektionsdruck hierzulande deutlich zu.

Viele Jugendliche und Jungerwachsene mit schulischen und sozialen Defiziten (die Analyse eines Korrelationszusammenhangs von schulischen Defiziten durch soziale Benachteiligungen soll hier nicht gestartet werden) bleiben auch nach verschiedenen Warteschleifen-Angeboten staatlicher und nichtstaatlicher För- derungen beruflich unversorgt auf der Strecke.

Das duale System in unserer Republik vermag Benachteiligte in unserem Lande oft nur als Billigstlohnempfänger zu integrieren. Neu kreierte Helferberufe an den Rändern des dualen Systems bieten den jungen Menschen hierzulande kaum eine langfristig gesicherte Existenz.

Sowohl die Inlandskonjunktur als auch die außereuropäische Außenhandels- bilanz zeigen in den Margen des Dax die Folgen der Abhängigkeiten und Integritäten vom internationalen Währungs- und Kapitaltransfergeschehen.

Wie der Dow Jones in den Neuntausender-Punkte-Grenzen herumdümpelt, zuckt der Dax an der „ökonomisch-psychologischen“ Dreitausendfünfhunderter Punkte-Grenze herum, stets „bemüht“, sich im internationalen Wirtschaftsge- flecht von der Dollar-Dominanz zu befreien.

Die Erkenntnis indes: Es wird keinen emanzipierten europäischen Wirtschafts- raum geben, auch wenn der € den $ bisweilen in die Schranken verweist. Strukturen sind auch Abhängigkeiten und Abhängigkeiten bilden Strukturen heraus.

Sie  mögen  fragen,  was  die internationale Währungskrise und Arbeitsteilung denn nun mit der konkreten Förderungspolitik der Kinder, Jugendlichen und Jungerwachsenen in unserem Landkreis zu tun hat?

Sehr viel; denn dem New way of life in der Förderung von Benachteiligten nach amerikanischem Vorbild zu folgen, wie der Dax dem Dow Jones gehorsam zu folgen bereit zu sein scheint, bedeutet auch, ein hierzulande gewachsenes und bewährtes Verständnis der Förderung von Benachteiligten aufgeben zu müssen! Maßnahmen der Prävention wären danach gänzlich unmöglich.

Regional differenzierte Angebote müssen deutlicher als bisher in struktur- schwachen Gebieten Berücksichtigung finden. Gleichzeitig wächst hier der Anteil der Benachteiligten, der schulisch, sozial und beruflich nicht oder nicht aus- reichend Versorgten und der in die Metropolen Abwandernden mit einer erschreckenden Geschwindigkeit und in einem Besorgnis erregenden Ausmaß.

Ein erheblicher Bedarf besteht künftig in einer Strukturanalyse, in der Bündelung, Vernetzung und Präsentation der Aufgaben vor Ort und in der Konzentration dieser Aufgaben unter der Regie einer Basisstation der sozialen Arbeit. Unsere Clearingstelle ist hervorragend auf diese Situation der wach- senden Bedarfe vorbereitet.

Der politische Konsens scheint zu bröckeln über dem rasch wachsenden Berg von schulisch und sozial benachteiligten und unbegleiteten  Kindern, Jugend- lichen und Jungerwachsenen. Gewaltbereitschaft und Politikgleichgültigkeit nehmen in dem Maße zu, wie die Wahrnehmung und Versorgung der Klientel abnimmt.

Auf diesem Wege entstehen Subsysteme, die mit tradierten Methoden und Angeboten nur sehr unscharf zu erkennen und zu korrigieren sind.

Unsere Clearingstelle bietet die Möglichkeit und die sozialpolitische Chance, die Klientel wieder in das Gemeinwesen zurückzuholen und damit das soziale Klima in unserem Landkreis erheblich zu verbessern.

Die Politiker in der Kommune und im Landkreis wären gut beraten, der struktu- rierenden und integrierenden Sozialarbeit mehr Raum und finanzielle Unterstüt- zung zu gewähren. Die originären Grundregeln der Volkswirtschaft: Investitionen im Jetzt bedeutet Sparen in der Zukunft bzw. Sparen durch Investitionen haben kaum zuvor eine so große Plausibilität gehabt, wie in der aktuellen Zeit.


2.1.2.2 Die PISA-Studie und die Lern- und Leistungsmotivation

Nicht nur im deutschen Bildungsbürgertum, sondern auch bei Wissenschaftlern und Kultuspolitikern, hat die PISA-Studie einige Verwirrung und Kritik ausgelöst. Als Wahlkampfbasis haben die Ergebnisse zunächst ausgedient und bedürfen nunmehr einer differenzierteren Untersuchung.

Was ist los in unserer Bildungs- und Leistungsgesellschaft oder was ist los mit der PISA-Studie? Die PISA-Studie hat einen sehr erheblichen Mangel: Das empirische Material wurde letztlich im Schnell -Verfahren aufbereitet und inter- pretiert. Unvollständige Kategorien und Dimensionen, Methodenmix, empirisch- analytische Willkürlichkeiten, das Fehlen einer Null-Hypothese und von umfas- senden Pretests, weist die PISA-Studie doch eher bzgl. ihrer Validität und Verifizierbarkeit als schwache wissenschaftliche Leistung aus.

Der Hamburger Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Struck kritisiert, wie zahl- reiche Wissenschaftler im In- und Ausland, dass in der PISA-Studie methodisch Äpfel mit Birnen verglichen werden und vor allem, dass Kategorien und Dimen- sionen, wie z.B. soziale Kompetenzen gänzlich aus dem Untersuchungszusam- menhang herausgenommen worden sind. Dies ist um so bemerkenswerter als die soziale Kompetenz als eine der wesentlichsten Schlüsselqualifikationen auch im Berufsleben ausdrücklich nachgefragt wird!

Die von Politikern sogleich in Eintagskonzepten bemühten Ergebnisse der Studie können, wie bereits angemerkt, als Wahlkampfmunition ad acta gelegt werden.

Das allemal Positive an der Studie ist die rasch erfolgte, leider aber nach der letzten Bundestagswahl zu schnell versiegte Debatte bezüglich der Reform der Bildungs- und Schulpolitik in unserem Lande.  Auch die längst überfälligen Not- wendigkeiten um eine Neuordnung der Bildungs- und Kulturpolitik sind an die Ränder der politischen Auseinandersetzungen verschoben worden.

Es ist an der Zeit, die Datenbasis der PISA-Studie erneut und mit wissenschaft- licher Sachlichkeit und Präzision zu betrachten, um den Druck, der von der Studie aus auf unser gesamtes Bildungssystem eingewirkt hat, mit effektiven und zeitgemäßen Reformen in ruhigere Bahnen zu lenken.

Wissenschaftliche Analysen gesellschaftlicher Verhältnisse haben sich vor allem auch ihrer Verantwortung bewusst zu sein. Die PISA-Studie und die Effekte ihrer Ergebnisse erinnern eher an ein wissenschaftsjournalistisches Spektakel, das mehr den Platz der kurzfristigen Schlagzeilen, als die langfristige wissen- schaftliche Auseinandersetzung mit

den Fragen der europäischen und internationalen Anpassung der Bildungssys- teme sucht.

Eines scheint indes gesichert: Die dürftigen aber spektakulären Ergebnisse der PISA-Studie haben mehr Resignation als Motivation bei Kindern, Jugendlichen und Jungerwachsenen, bei Eltern, Lehrern, Schulverwaltungen und Kultusmini- sterien befördert.

An der sprunghaften Zunahme der Schulverweigerung etwa ist das wissen- schaftliche Verhalten der PISA-Akteure gewiss nicht gänzlich unbeteiligt.

Wir werden in unserer Clearingstelle letztlich auch diese Wogen zu glätten haben und vor allem den Eltern lernungewohnter Kinder  neuen Mut geben, nicht in Resignation oder Totalverweigerung zu verfallen.


3   Lern- und Leistungsverständnis der Eltern     
    
In unserer Cleringstation wird es auch darum gehen, die Eltern von schulver- weigernden Kindern und Jugendlichen an die Lern- und Leistungssysteme heranzuführen. Eine Doppelambivalenz, die nur in einer langfristigen, differen- zierten und kontinuierlichen Arbeit überwunden werden kann.

In einem ca. 3-Jahres-Zeitraum werden wir unsere Clearingstelle wissenschaft- lich begleiten und unsere Angebotsmodule den strukturellen Bedingungen an- passen, um in unserem Landkreis die Leistungsfähigkeit der teils verankerten Schulsozialarbeit und die Tauglichkeit der derzeitigen Interventionsmaßnahmen etwa gegen die zunehmende Schulverweigerung zu prüfen und Alternativen zu entwickeln.

Als soziale Basisstation auch für die SPFH verfügen wir über sehr konkrete Zu- gänge zu den  Familien in unserem Landkreis.

Der Sinn von Lernen und Leistung aber auch der Unsinn von Verweigerungs- haltungen werden primär in den Stammesfamilien vermittelt und trainiert. Von der Administration unseres Bildungssystems her ist eine Korrektur von Verwei- gerungshaltungen nur schwer möglich, wenn nicht ein Coaching vor Ort als Brücke verfügbar ist.


3.1 Verweigerung als Ausdruck der Resignation

Leider wird Verweigerung allzu selten verstanden als Reklamation von Defi- ziten. Lehrer und Eltern haben kaum Zeit und auch kaum den Ausbildungshin- tergrund, sich diesen Erziehungsdefiziten, die sich in Mustern der Verweiger- ungshaltungen äußern, anzunehmen.

Die traditionelle Elternarbeit in den Schulen beschränkt sich allenfalls auf knappe Sprechzeiten und Elternabende. Hausbesuche von Lehrern sind recht selten geworden. So bleiben oft unversorgte Kinder und Jugendliche zurück, die dringend der umfassenderen pädagogischen Begleitung bedürften. So bleiben aber auch Berührungsängste an den Schnittstellen zwischen Schule und Elternhaus zurück auf dem Wege der Resignation, der Verweigerung und der Aggression.

In diesem Vakuum bleiben vor allem die Kinder und Jugendlichen allein mit ihren Fragen,  Ängsten und Sorgen. Nicht selten überschreiten sie dabei Grenzen, die sie oft zu Außenseitern der Gesellschaft werden lassen.

Wir wissen doch, dass Unverständnis, Ohnmacht, Angst und Resignationen Wege der Gewalt nach innen oder außen nehmen können. Es ist unsere Chance, Resignations- und Verweigerungshaltungen frühzeitig zu erkennen und in die Bahnen einer gelingenden Reintegration zu lenken.

Die Bemühungen, Kinder, Jugendliche und Jungerwachsene in unsere Lern- und Leistungssysteme zurückzuholen und ihnen begleitend bei der Entfaltung einer autonomen und gesellschaftlich integrierten Persönlichkeit behilflich zu sein, sind Leitziele unserer Einrichtung.


3.2   Kinder- und Jugenddelinquenz

Die seit Anfang 1998 laufende Langzeitstudie des internationalen Strafrechts beim Max-Planck-Institut „Soziale Probleme und Jugenddelinquenz im sozialökologischen Kontext“ analysiert den Zusammenhang zwischen Urbanität und delinquentem Verhalten. In der fast schon in Vergessenheit geratenen Abhandlung von Alexander Mitscherlich aus den 60-er Jahren „Die Unwirtlichkeit unserer Städte und die menschliche Aggressivität“ wird schon früh auf die Folgen einer Städteplanung in Großsiedlungen und auch in idyllisch anmutenden ländlichen Lebensräumen hingewiesen.

Anders als heute war seinerzeit die multikulturelle Diversifikation und Dichte eher undramatisch gewesen und die soziale Versorgung in den Brennpunkten und an Brennpunktschulen durch Projekte und Modellversuche der Pädagogik durchaus lebendiger.

In der Studie des Max-Planck-Instituts werden besonders anschaulich signifi- kante Zusammenhänge von räumlichen Einflüssen und Delinquenz herausge- arbeitet  aber auch die Aspekte der sozialen Kontrolle in Randregionen gewür- digt.

„Allen Ansätzen ist die Überlegung gemein, dass delinquentes Verhalten nicht nur durch individuelle, sondern auch durch soziale Kontextfaktoren beeinflusst wird, die in der konkreten räumlichen Umgebung der Menschen zu finden sind. (.....).“

„(...) Zum einen führen räumliche Konzentrationen sozial benachteiligter Bevölkerungsgruppen in bestimmten Wohnquartieren über die Zunahme von Kontakten zu gleichfalls benachteiligten Personen und die Verminderung von Sozialkapital zu einer zusätzlichen Benachteiligung und letztlich zu einer Ausbreitung devianter     Einstellungen    und    Verhaltensmuster, zum ande- ren verlieren diese Wohnquartiere ihre‚ kollektive Selbstwirksamkeit’, um   einer Ausbreitung von ‚Disorder’ und Delinquenz effektiv entgegenzuwirken.“ (s. o.a. Studie)
Die Konzentrationseffekte schulischer und sozialer Benachteiligungen und das Kontrollverhalten der Eltern spielen dagegen, so die Langzeitstudie, eine weitaus größere Rolle für Jugenddelinquenz. Der Zerfall von Familienstrukturen fördert Delinquenz, wie auch Delinquenz den Zerfall von Familienstrukturen fördert.

Die von uns diesbezüglich angebotenen Begleitungen unter Einbeziehung der hier dargestellten Angebote, können sowohl dem Prozess der Kinder- und Jugenddelinquenz als auch der Eigendynamik und Reaktionsmuster in Familien- krisen und -konflikten unserer Klientel ausgleichend, konstruktiv und den Ein- zelnen in seinen Ressourcen fördernd, fordernd und orientierend entgegenwir- ken.

Wir sind der festen Überzeugung, dass unsere soziale Arbeit in unserem Land- kreis sozialpolitisch und wissenschaftlich nur messbar sein kann, wenn ein wirk- licher Dialog vor Ort mit den Exponenten und Entscheidungsträgern in der Politik auf kommunaler und Landkreisebene eingeleitet und die Aufmerksamkeit auf die möglichen und wahrscheinlichen Folgen der zu wenig beachteten Teil- gruppe der Benachteiligten in unserer Gesellschaft geweckt wird.

Jenseits aller Ideologien bleiben wir bezüglich der Förderung unserer Klientel sehr offen für den Dialog.  


3.3 Aggressionen als Sehnsucht nach Annahme und Geborgenheit

Nicht nur Kinder, Jugendliche und Jungerwachsene drücken ihre Wünsche nach Geborgenheit, Sicherheit, Vertrautheit in den Erlebnisspannungen oft mit umge- kehrten Reklamationen aus. Das zeigen nicht nur unsere Erfahrungen der sozialen Arbeit.

Der ganzheitliche, situative, interaktive, bedürfnisorientierte und integrative Ansatz lehrt uns, dass unsere Klientel mit oft unerwünschten und zu sanktio- nierenden Verhaltensmustern und Forderungen Fragen stellen, die nur beant- wortet werden können, wenn wir als Systemelemente der Gesellschaft bereit sind, diese Fragen auch als unsere Fragen der Zukunft zu behandeln.

Wo bleibt der globale Fortschritt, wenn der Einzelne als Bodensatz und Sedi- ment oder als Legitimation unserer Leistungsgesellschaft in’s Abseits gerät?

Wo bleibt denn die globale Gesellschaft, wenn die Hilfeleistung in konkreten Krisensituationen versagt? Wo wären die Menschen, die uns aufsuchen und denen wir helfen konnten, geblieben, wenn selbst die soziale Arbeit Ganzheit- lichkeit und Globalität nicht ernst nehmen würde? Was wäre aus den unzähligen jungen Menschen geworden, wenn sie nicht vor der letzten Aussortierung ange- nommen und begleitet worden wären?

Wir  glauben  fest an  unsere  Vision einer Gesellschaft, die jedem Menschen  einen würdigen Platz bietet.  Wir  glauben  auch,  dass  unsere  soziale  Arbeit  bei der Klientel die innere Kompassnadel auf Zukunft und Integration ausrichtet und sind fest davon überzeugt, dass uns und unsere Klientel diese Sehnsucht nach Annahme, Geborgenheit und Zukunft eint.

Draußen vor der Tür zu stehen, beschreibt die Sehnsucht nach Einlass im Kleinen, wie auch im großen Wettbewerb der globalen Gesellschaft, im Mit- machen-Wollen, -Dürfen und -Können.

In diesem Aneignungsprozess von Erfahrungen und den Visionen von Zukunft sind wir unserer Klientel behilflich bei der Integration in unsere Systeme von Lernen und Leistungen, die gelegentlich mit Fortschritt und Innovation verwech- selt werden.


3.3.1 Eigene und fremde Grenzen erfahren

Besonders  bei  Jugendlichen  und  Jungerwachsenen sind Grenzenlosigkeiten und damit folgerichtig auch Grenzüberschreitungen oft entscheidende Voraus- setzungen, Identitäten und Standorte im gesellschaftlichen Ganzen zu ent- wickeln und am gesellschaftlichen Ganzen zu prüfen. Erinnern wir uns doch selbst!

Ohne diesen Prozess wäre Fortschritt undenkbar  und wir säßen, frei nach E. Kästner, immer noch, behaart und mit böser Visage, auf den Bäumen.

Mit den von uns vorgestellten Aktivitäten und Interventionsinstrumentarien im Kontext unserer Clearingstelle werden wir die Klientel in unserem Landkreis abholen und ihr im Gesellschaftlichen Wettbewerb Richtungen und Chancen geben, eigene Ressourcen in einem würdigen und integrierten Leben zu ent- decken, auszubauen und zu entfalten.

Ohne Pathos glauben und bauen wir nach wie vor unbeirrt an Bedingungen, in denen jeder seinen Platz in Frieden und mit Orientierungen finden kann.

Die Grundphilosophie unserer Arbeit beruht darauf, Menschen helfend zu begleiten und verantwortlich zu sein für den anderen ‚Fremden’, ohne die eigenen und die ‚fremden Grenzen’ zu überschreiten.


3.4 Soziale Kompetenzen als Schlüsselqualifikationen

Die Schnittstelle zwischen der Berufs- und Arbeitspädagogik und der Sozial- arbeit läßt sich sinnvoll mit der Vermittlung von Schlüsselqualifikationen ver- knüpfen. Schlüsselqualifikationen stehen sowohl in der Sozialpädagogik als auch in der Berufs- und Arbeitspädagogik im Mittelpunkt der Betrachtung.

Durch die Herausbildung von sozialen Kompetenzen soll die Klientel mental auch an die arbeitswelttypischen Anforderungen wie Pünktlichkeit, Kontinuität, Strukturierungsfähigkeit, Perzeptionsvermögen und Teamfähigkeit herangeführt werden. Die rein fachlichen Standards sind um so wirkungsvoller vermittelbar, je gründlicher auf diese Schlüsselqualifikationen vorbereitet wird. Es sind vor allem die Schlüsselqualifikationen, die zu einer arbeits- und leistungsbereiten Persönlichkeit führen.

Diese vom fachpraktischen Ausbildungspersonal in den Betrieben und die begleitenden Hilfen des sozialpädagogischen Dienstes im Rahmen von ABH‘ gleichermaßen zu bewältigenden Anstrengungen der Vermittlung von Schlüssel- qualifikationen könnte die Ausgangslage für gemeinsame Anstrengungen der schulischen, beruflichen und sozialen Integration von Benachteiligten sein.

Wenn diesbezüglich die Zusammenarbeit mit der Leitstelle Jugend und Soziales im hiesigen Landratsamt und der Arbeitsverwaltung gelingt und auf diesem Wege auch Aufgaben der Jugendberufshilfe frühzeitig anläßlich von Erziehungs- konferenzen in den Hilfeplan als Teil der öffentlichen Erziehungsförderung nach dem KJHG integriert werden, können damit wesentliche Voraussetzungen zur Verbesserung der bildungsbiographischen Entwicklung der Klientel geschaffen werden.

So mancher 14 bis 15-jährige könnte durch die rechtzeitige und gezielte Förder- ung im Rahmen der Berufsorientierung sowohl schulische und soziale Defizite abbauen als auch durch einen handlungsorientierten Lernrahmen seine Motivationslage verbessern.

Wenn weiterhin in diesem Zusammenhang die Leitungen der Fachabteilungen im Landratsamt politisch auf derartige Reformansätze Einfluß nähmen, wäre die öffentliche Erziehung um den Aspekt der vorberuflichen Förderung ihrer Klientel bereichert.

Um die Sinnhaftigkeit, Machbarkeit und Notwendigkeit diesbezüglicher Modifi- zierungen der Angebote der Hilfen zur Erziehung sollte die Fachdiskussion eröffnet werden. Ansatzweise ist die Stimmung zur Umsetzung solcherart Vernetzungen in manchen Fachausschüssen durchaus positiv.

Dies wären recht günstige und langfristig stabile Voraussetzungen, flächen- deckende Maßnahmen der beruflichen Eignungsdiagnostik, Orientierung und Berufsvorbereitung in die Maßnahmekataloge der Hilfen zur Erziehung einzu- binden und die entstehenden Kosten über die üblichen Sätze für Fachleistungs- stunden und der ABH‘-Vergütungen durch die Arbeitsverwaltung zu kompen- sieren.

Auf diesem Wege könnten auch die Qualitätsstandards sowohl des betreuten Wohnens als auch der außerbetrieblichen Ausbildung erweitert und die Lebens- räume von Arbeiten, Lernen und Wohnen besser verzahnt werden.


3.4.1 Soziale Kompetenzen trainieren

Wie in unserer übrigen Arbeit, wird für uns auch in unserer Clearingstelle die Vermittlung sozialer Kompetenzen als Schlüsselqualifikation im  Mittelpunkt unserer dortigen Arbeit stehen. Dabei können wir auf lang erprobte und be- währte Methoden und Instrumentarien unserer Arbeit im Landkreis zurückgrei- fen.

Unsere Kenntnisse der sozialökonomischen Infrastrukturen und der Soziallage der Familien im Landkreis kommen uns bei der Einrichtung einer Clearingstelle weit entgegen und geben dem Betrieb dieser Basisstation gleichfalls richtungs- weisende  Impulse.

Für die Altersgruppe der 12 bis 18-jährigen sowie für die Gruppe der Junger- wachsenen, versprechen wir uns mit unserem Angebotsmodul „Computerkurse“ einen Zuwachs an sozialen Kompetenzen bei dieser Klientel.

Wir beobachten in unserem Landkreis -wie auch gesamtgesellschaftlich- einen deutlichen Zuwachs an Müttern im Jugendalter, besonders bei der Statusgruppe schulisch und sozial Benachteiligter. Ob nun hier familiale Defiziterfahrung eine Sehnsucht nach Geborgenheit, Familie und Integrität hervorgebracht hat, oder ob die Institutionen Schule in ihrer Aufklärungsarbeit überfordert ist, bedarf unsererseits zunächst keiner tieferen Analyse.

Wir haben in unserer konkreten Arbeit stets mit Ergebnissen gesellschaftlicher Zustände zu tun und den Hilfesuchenden Wege der Integration zu zeigen. Eines jedoch scheint in der Statusschicht von benachteiligten Müttern deutlich:

Sie suchen nach akzeptierenden und solidarischen Begleitungen, damit sie und ihre Kinder sich in der Gesellschaft orientierend zurechtfinden zu können. Das ist das Mindestmaß, an dem wir den jungen Müttern in unserem Landkreis mit unseren Angeboten behilflich sein werden.

Die Integration dieser Teilgruppe in unser Gesamtkonzept mit den bewährten Beratungs- und Betreuungsmodulen einzubinden, ist uns eine Chance, schon die ganz Kleinen mit ihren Elternteilen abzuholen und ihnen orientierende Wege in ein selbstbestimmtes Leben zu zeigen.

Die Förderung der sozialen Kompetenzen der Kinder und Jugendlichen ist auch Aufgabe der Landespolitik. Dass durch eine  unzureichende politische Würdigung der Benachteiligten und ihrer Herkunftsfamilien die  sozialpädago- gischen Interventions- und Integrationschancen abnehmen oder erschwert werden, scheint mehr als folgerichtig.

In der mangelnden Förderung der Benachteiligten wächst ein erheblicher sozialer    Sprengstoff,   der  ohne   eine    systematische Integrations- und Interventionspolitik und ohne eine Erweiterung der Angebote vor Ort eine eigene Dynamik erhält, die sich unkontrolliert entfalten kann.

Eine Gesellschaft, die einen beträchtlichen Teil ihrer Jugend ohne Ausbildung und Zukunft der Sozialhilfe überlässt, ist eine zukunftslose Gesellschaft.

So mancher Benachteiligte wird durch eine rechtzeitige und differenzierte Förderung im Rahmen der hier dargestellten Angebote Defizite abbauen und dabei soziale Kompetenzen als positive Antriebskraft entdecken, um sie in den Lern- und Arbeitssystemen entfalten zu können.  


4 Jugendarbeitslosigkeit und Qualifikationskrise

Unsere gewachsenen Kontakte zur freien Wirtschaft, zu Schulen, zu den Jugendämtern, zur IHK und zu Ausbildungsbetrieben, geben uns Mut bezüglich unserer hier dargestellten Förderungsabsichten unserer Klientel im Landkreis.

Spezielle und weitergehende Förderungen unserer Klientel werden wir versu- chen, über den ESF und im Sinne unserer Ansätze zu realisieren.

Eine   wissenschaftliche  Begleitung   unserer  Clearingstelle ist vorbereitet, um aus den Strukturanalysen die Effektivität der Integration unserer Klientel an- passen und beschleunigen zu können. Unsere Aktivitäten vor Ort sollen zugleich auch Impulse geben für die Sozialarbeit in unserer Region.

Sie sollen auch zeitgemäße Möglichkeiten, Methoden, Instrumente und Grenzen der eigenen Arbeit prüfen und sich dem gesellschaftlichen Wandel stellen.

Mit der Regie einer Clearingstelle in unserem Hause verbinden wir unsere Ideen eines Netzwerks der sozialen und schulischen Integration von Benachteiligten in der Region unseres  Landkreises.

Derzeit liegt auch bundes- und landespolitisch der erklärte Schwerpunkt in der Integration von Jugendlichen und Jungerwachsenen ohne Arbeit und Ausbil- dung.

Die Situation auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt fordert zunehmend und in raschem Maße fachpraktische, -theoretische und soziale Kompetenzerweiter- ungen  von den Qualifikationsinhabern und Arbeitsplatzbewerbern.

Der sichtbare Verdrängungswettbewerb führt mehr und mehr zur Ausgliederung derer, die diese vorberuflichen und beruflichen Standards nicht, noch nicht oder nicht ausreichend erfüllen. Schulisch und sozial Benachteiligte bleiben auf diesem Wege auf der Strecke, wenn ihnen nicht mit zusätzlichen Förderungen eine Anpassung an diese Prozesse ermöglicht wird.

Die Jugendberufshilfe z.B. kann ihre Aufgaben nur dann wirkungsvoll entfalten, wenn die Arbeitsverwaltung, das Landratsamt und die Stadtverwaltung für die berufliche Förderung der Benachteiligten klare Impulse geben. Hier ist ein poli- tischer Konsens gefragt, der neue Richtungen und Wege einschlägt in der För- derung von Benachteiligten, die ohne Arbeit und Ausbildung sind.

Werden zwischen den Multiplikatoren der Arbeitsverwaltung, der Bildungs- und Sozialpolitik keine Zielvereinbarungen getroffen, die die Chancenzuteilung für Benachteiligte klarer regeln, dann ist den sozialpolitischen Folgen mit Fachlich- keit nur schwer zu begegnen.

In unserer Clearingstelle werden wir konkrete Hilfs- und Förderangebote für Jugendliche und Jungerwachsene ohne Ausbildung und Arbeit bereit halten.

Durch Technologieinnovation und durch die zunehmende Autonomie der Maschi- nensysteme v.a.  in  der gewerblichen Wirtschaft wird der Mittelbau, einst das Rückrat der gewerblichen Wirtschaft, deutlich geschwächt. Entstehende Fachar- beiterlücken werden geschlossen mit Ausbildungsplatzbewerbern, die über einen überdurchschnittlichen Realschulabschluß verfügen oder Abitur nachwei- sen können.

Das Arbeitsmarktsystem gerät um so mehr unter Druck, als hoch motivierte und von der Qualifikationsbreite her gut ausgebildete Arbeitnehmer aus Osteu- ropa den Verdrängungswettbewerb zusätzlich verstärken.

Es sind drei Hauptdimensionen der Qualifikationskrise erkennbar: Das weitest- gehende Fehlen von Personalentwicklungsplanungen in der Klein- und Mittel- industrie, die Überwindung der politechnischen Bildungsphilosophie in den neuen Bundesländern und die Anpassungsprobleme des dualen Systems an die unterschiedlichen Standards der Ausbildung, der Leistungs- und Sicherungs- systeme in den europäischen Nachbarländern.

Die neuerlichen Reformansätze des Dualen Systems zielen allesamt ab auf eine schnellstmögliche Verfügbarkeit der Qualifikationsinhaber auf den Arbeitsmärk- ten bei gleichzeitiger Möglichkeit der ständigen Anpassungsqualifizierung. Die Modularisierung der Berufsbildung ist ein gangbarer Weg, das Dilemma zu mildern und vor allem Benachteiligte in das Duale System zu integrieren.

Mit dem Gedanken, die Gesamtqualifikation in einzelne Ausbildungsmodule aufzugliedern, ist die traditionelle Leitphilosophie eines allumfassend ausgebil- deten Facharbeiters aufgegeben worden. Eine Modularisierung der Ausbildung mit der verwertungsorientierten Zertifizierung von Ausbildungssegmenten deutet sich als Reformtrend der Berufsbildung an.

Einerseits kann der Weg der Modularisierung der Berufsbildung bei ausbleiben- den zusätzlichen Ausbildungsförderungen zur Entwertung der Facharbeiterqua- lifikation führen, andererseits erhebt sich hier aber auch die Chance, schulisch und sozial Benachteiligte effektiver in das Ausbildungsgeschehen einzubinden, wenn den Betroffenen die Möglichkeit gegeben wird, mit Hilfe von Maßnahmen der Weiterqualifizierung nach dem Arbeitsförderungsgesetz und mit zusätzlichen öffentlichen Mitteln  die Facharbeiterreife zu erlangen. Dies setzt allerdings eine enge Zusammenarbeit zwischen Arbeitsverwaltung und öffentlicher Berufsbil- dungspolitik voraus.

Für unsere Klientel scheint es allemal sinnvoller, einen kleinen Facharbeiterbrief oder einzelne Ausbildungsmodule zu erwerben, als ohne Ausbildung, Arbeit oder Facharbeiterbrief zu verbleiben.


5   Unsere Clearingstelle mit  wissenschaftlicher Begleitung

In unserer Clearingstelle ist  eine wissenschaftliche Begleitung ein sinnvoller Rahmen für die Bewältigung der künftig anstehenden Integrationsaufgaben.

Eine wissenschaftliche Analyse der gegenwärtigen und künftig zu erwartenden Integrationsaufgaben bei gleichzeitiger sozialpädagogischer Begleitung der Klientel soll Erkenntnisse und Strategien  hervorbringen, die einer fundierten (Re-)Integration gerecht werden können. 

Die wissenschaftliche Begleitung soll von einem in der Förderung von schulisch und sozial Benachteiligten einschlägig ausgewiesenen Mitarbeiter erfolgen.


5.1 Start-, Erhebungs-, Auswertungs- und Abschlussphase der  
      wissenschaftlichen Begleitung

In der Startphase unserer Clearingstelle wird der Rahmen der wissenschaftli- chen Begleitung festgelegt werden. Das Angebotsdesign wird mit bestehenden staatlichen und nichtstaatlichen Angebotsmodulen abgestimmt.

In der Erhebungsphase werden wir bestehende und neue Kontakte zu Eltern, Lehrern, Schulverwaltungen und zur Arbeitsverwaltung knüpfen und Leitfäden für Intensivinterviews mit Betroffenen und Experten, sowie eine ausreichende empirische Datenbasis zusammenstellen, die geeignet ist, effektive Strategien gegen das Aufkommen von Schulverweigerung und Absentismus zu entwerfen.

Die Dateninterpretation erfolgt in Zusammenarbeit mit der Leitung des Sozial- pädagogischen Forums.

In der Abschlussphase werden die Daten methodisch und analytisch aufbereitet, ausgewertet und sozialwissenschaftlich interpretiert. Die Ergebnisse werden in einem Abschlußbericht der zuständigen Stellen zur Einsicht angeboten und vor- gelegt.


5.1.1 Verwertung der Datenbasis und -ergebnisse

Das wissenschaftlich befundete und interpretierte Datenmaterial wird einschließlich Datenanhang aus Erhebungen, Literatur, Quellen und Interviewmitschriften auf Compact-Disk-Datenträgern im Format Office 2000 (Word, Excel, Publisher und Power Point) gespeichert und den pädagogischen Fachabteilungen des Landratsamtes und der Stadtverwaltung zur Verfügung gestellt werden als mögliche Handlungs- und politische Entscheidungsgrundlage oder als Hilfen für weitere Projektierungen im Kontext konkreter und allge- meiner Reintegrationsarbeit.


5.1.2  Institutionalisierung unsere Clearingstelle 
       
Im Rahmen unserer Clearingstelle soll auch die bestehende Sozialarbeit in unserem Hause Impulse erhalten. Des weiteren sollen neue und effektive Wege der Intervention gegen Aggression an den Schulen und gegen Schulverweiger- ung erprobt werden.


6 Angebotsdesign unserer Clearingstelle

Unser Hauptanliegen ist es, an der Eltern-Kind(er)-Schnittstelle durch die aktive Mitwirkung der Eltern(teile), denen der rechtliche Status der körperlichen, seelischen und geistigen Förderung ihrer Kinder obliegt, die Eltern unterstützend einzubinden in den Prozess der gesellschaftlichen Integration ihrer Kinder.

Auf dem Wege dieser Frühförderung meinen wir, effektiver als bisher Integra- tionsproblemen von Kindern, Jugendlichen und Jungerwachsenen prophylaktisch und präventiv begegnen zu können.

In der Rechtzeitigkeit der Förderung der Kinder und der Einbindung der Eltern liegt gleichermaßen auch die Effektivität der sozialen Integrationsarbeit.

Ausbildungsbetriebe sind kaum in der Lage und auch nicht zuständig dafür, die Defizite auszugleichen, die sich im Erziehungskontext aufgebaut haben.

Die Lehrkräfte an den allgemeinbildenden Schulen, bei denen die aktive Eltern- arbeit zunehmend ausbleibt, können an ihren Arbeitsorten keine Familienersatz- atmosphäre schaffen.

Die effektivste Schnittstelle, an der die Kinder und Eltern gleichermaßen gewon- nen werden können für den Start und den Weg  in die Lern-, Leistungs- und Lebenssysteme unserer Gesellschaft, scheint die vorschulische Erziehung zu sein.

Werden die Eltern(teile) nicht gewonnen für die schulische, soziale und berufliche Integration der nachwachsenden Generationen, können die Kinder nur schwer und uneffektiv mit rechtlichen Regularien erreicht werden. Mit Sank- tionen, wie Abschulungen, Verweisen oder der Überantwortung der Kinder in die öffentliche, meist stationäre Erziehung, sind langfristig keine Lösungen der Situ- ation zu erwarten.

Die Ausdifferenzierung der ambulanten, sowie stationären Hilfen für Kinder, Jugendliche, Jungerwachsene und Eltern ist daher Schwerpunkt unserer Arbeit in der Clearingstelle.

In unserer Clearingstelle versuchen wir die Integrationsprozesse für schulisch und sozial benachteiligte Kinder, Jugendliche und Jungerwachsene in unserem Landkreis zu beschleunigen.



08.01.2015 »
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Pressemitteilung 08.01.2015  -  Ministerium für Kultus, Jugend und SportSüdwesten an ...

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05.12.2014 »
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